Ostern 2011

HANS SCHREIBT AN SEINE FREUNDE

Liebe Freunde,

Trotz der Probleme in der kürzeren Vergangenheit entwickelt sich Pandipier sehr gut – es wird hier großartige Arbeit geleistet, was nicht heißt, dass uns diese Probleme nicht Tag und Nacht beschäftigen. Auf der einen Seite ist ihre Ursache im globalen finanziellen Umfeld zu suchen; dadurch verteuert sich vieles und das Spendenaufkommen verringert sich. Auf der anderen Seite kämpfen wir noch mit Auswirkungen der Fehler der vorherigen Verwaltung Pandipieris; diese Fehler haben Pandipieri in eine tiefe finanzielle Krise gestürzt. Mit einer nahezu übermenschlichen Anstrengung hält Sr. Bernadette – eine Mill Hill Schwester aus Irland – alles hier am Laufen. Das ist eine beachtliche Leistung in einem Land, in dem nahezu alles aus den Fugen gerät. Sr. Bernadette kann auf die große Unterstützung ihrer Gemeinde hier zählen; viele Gemeindemitglieder helfen dabei, Pandipieri wieder nach vorne zu bringen. Mache Mitarbeiter sind sogar bereit, für eine Weile ohne Lohn zu arbeiten. Wo um alles in der Welt gibt es das sonst noch? Ich möchte auch noch das „Notkommittee“ unserer Freunde aus Holland erwähnen, die alles Erdenkliche tun, um die Strukturen Pandipieris zu bessern und weniger anfällig zu gestalten – die Arbeit daran geht weiter.

Die Arbeit in der „Girls Domestic School“ (Haushaltsschule für die Mädchen) geht unvermindert weiter. Als wir noch vor 10 Jahren die Entwicklung unserer Programme kritsch betrachteten, regten Berater an, als neuen offizellen Namen “ Vocational Training“ (Berufliche Ausbildung); aber das Pandipieriteam mochte diesen Namen nicht. Ursprünglich begann Sr. Ruth mit einem Kurs für Mädchen, die aus finanziellen Gründen nicht zur Schule gehen konnten; in diesem Kurs konnten die Mädchen ihre eigene Persönlichkeit entwickeln und stärken. Der Lehrplan bestand damals aus allen Fächern, in denen die Mädchen gerne unterrichtet werden wollten. Heute aber leben wir in einer Zeit, in der wirtschaftlichen Aspekte zur Religion geworden sind. Als die Schule im vergangenen Jahr ihr 25-jähriges Jubiläum feierte, sagte der Erzbischof zu den Schulabgängern: „Willkommen auf dem Arbeitsmarkt“. – Persönliche Entwicklung ? Was ist das denn …………. ?

Wir müssen zugeben, dass die Vorstellungen unserer Berater aus Nairobi auch ihre Vorteile haben. Das zeigte sich im letzten Jahr, als die „Girls Domestic School“ (wir lieben diesen Namen) Unterstützung durch die Regierung erhielten, weil es sich dabei um eine berufliche Ausbildung handelte. Es gibt ein Programm der Regierung, nachdem jeder Schüler mit jährlich 15.000 ken. Schillingen (ca. Euro 150,00) unterstützt wird. Das ist eine enorme Hilfe! Als im Februar die Zeugnisse ausgehändigt wurden (darüber schreibt Sr. Bernadette einen eigenen Artikel), sicherte ein Regierungsvertreter diese Unterstützung zu, solange die Schule bestimmte Bedingungen erfüllt. Unsere Gebäude sind in einem hervorragenden Zustand; auch in Nyalenda gibt es ein neues Gebäude, das wir mit Hilfe der Spender aus Holland errichten konnten. Dieses Gebäude ist für uns sehr wichtig und dient uns auch als Gemeinschaftshaus. Allerdings fühlte sich das Management nach diesem Erfolg – offensichtlich von einem gefährlichen Optimismus – soweit inspiriert, dass man der Meinung war, in Magadi ein ähnliches Gebäude errichten zu können – und zwar ohne jegliche finanzielle Absicherung – da war wohl mehr der Wunsch Vater des Gedankens. Eine solche Denkweise ist hier ganz normal. (Letzte Woche sprach ich mit meinem Freund Paul und sagte: „Nun hast Du schon das ganze Geld in dieses neue Gebäude investiert und es ist noch lange nicht fertig – wie willst Du das jetzt fertig stellen ?“ Die Antwort: „Wir werden sehen“. Ich sprach mit einer weiteren Freundin – Fr. Damaris: „Wenn Du es schaffst, Geld für die Schulausbildung der Kinder zu bekommen – hast Du auch eine Idee, woher das Geld für die Zeit danach herkommen soll?“ Antwort: „Wir werden sehen.“) Auf diese Weise wurde das neue Gebäude in Magadi so eine Art „Schwarzes Loch“, in dem schon viel Geld einfach verschwunden ist.

Das OMA Projekt floriert. 300 Familien, die AIDS-Waisen adoptiert haben, haben wir bereits auf unserer Liste. Wir versorgen diese Familien mit einer Krankenhausversicherung für die ganze Familie und die Waisen werden in der Pandipieri-Klinik kostenlos behandelt. Fünf kleine private Krankenhäuser haben sich diesem Programm bereits angeschlossen – sie haben sich verpflichtet, nur Kosten in Rechnung zu stellen, die auch durch die Krankenversicherung abgedeckt sind. Es gibt noch die beiden Regierungskrankenhäuser; allerdings sind die Bedingungen dort so schlecht, dass niemand freiwillig in diese Hospitäler gehen will. Die Regierung betrachtet uns wohl als Pilotprojekt, denn sie haben uns die Erlaubnis erteilt, auch nicht verwandte Kinder in das Projekt aufzunehmen und man hat uns versichert, dass die Kinder künftig kostenlos behandelt werden sollen. Das wäre eine große Hilfe.

Kürzlich hatten wir eine Feier mit den Verantwortlichen – auch die Ärzte, das Pflegepersonal und einige Leistungsempfänger waren anwesend. Alle waren sehr enthusiastisch. Die Ärzte baten uns, die Anspruchsberechtigen zu ermuntern, eher ein Krankenhaus aufzusuchen und nicht damit zu warten, bis die Krankheit hoffnungslos ist; sie fragten auch, ob wir nicht eine Möglichkeit haben Operationsbesteck (evtl. aus 2. Hand) zu besorgen. Das große Problem des OMA-Projektes besteht darin, neue Spender in Europa zu finden. Einige der früheren Spender haben sich entschieden, nach einigen Jahren nun auch einmal andere Projekte zu unterstützen. Wir bitten Euch also um Eure Hilfe bei der Suche nach neuen Spendern, die bereit sind, die Versicherung einer Familie zu übernehmen. Die Kosten hierfür belaufen sich auf Euro 50,00 / Familie / Jahr.

Die Kunstschule mit ihrem 3-Jahreskursen ist nach wie vor eine Quelle des Stolzes für uns. In 25 Jahren haben wir 150 Künstler ausgebildet. Unser Zertifikat ist privater Natur, hat aber in Schulen, die Kunsterzieher suchen, einen exzellenten Namen. Wir möchten erwähnen, dass Absolventen einer öffentlichen Schule ein ebenso schönes Diplom und theoretische Kenntnisse aufweisen können, aber in der Praxis können sie nur wenig vorweisen. Besucher unserer Schule hingegen gehen oft erst, nachdem sie ein schönes Bild oder eine Skulptur bei uns gekauft haben. Einer der Besucher hat sogar versprochen, Dan’s Monatsgehalt zu übernehmen – Dan ist der Direktor der Kunstschule. Ich selbst unterrichte jeden Freitag ca. 14 Schüler im Modellzeichnen. Oft lade ich Besucher ein, uns Modell zu stehen – sie können dann in ihrem Lebenslauf schreiben „Modell der Nyalenda Kunstakademie in Kisumu. Viele alte Freunde besuchen uns. Jan Laarakker kam – und als er nach so vielen Jahren Pandipieri wiedersah, rief er: „Jetzt weiß ich, wo all‘ das Geld geblieben ist: so viele große und schöne Gebäude!“. Er war dem Kern der Sache damit näher, als viele Leute denken – aber das ist oft so mit Jan.

Die politische Situation hier ist bedauerlich und zugleich beängstigend; wir sorgen uns um die Wahlen im kommenden Jahr, denn wir haben noch immer nicht die Rückschläge nach der letzten Wahlen überwunden. Das ICC (Internationaler Gerichtshof) in Den Haag bat sechs prominente Politiker um Stellungnahme zu den Massakern. Man hatte aber den Eindruck, dass die Politiker sich nur gegenseitig schützen. Und dafür werden Millionen Euro ausgegeben, während auf der anderen Seite für viele der Opfer, die noch heute in Zelten leben, kein Geld da ist. Die sechs Politiker – einigen von ihnen kandidieren für das Amt des Präsidenten – werden von den Anhängern ihres Stammes aufgehetzt und verweisen darauf, dass solche ernste Anschuldigungen nur zu weiteren ernsten ethnischen Unruhen führen könnten. Das hat fast schon erpresserischen Charakter.

Hinzu kommt, dass die Korruption so schlimm ist wie nie zuvor und die Regierung heizt dieses Feuer an. Unsere Parlamentarier gehören zu den höchstbezahlten Politikern der Welt, weigern sich aber Steuern zu zahlen. Sie weigern sich auch, Auskunft darüber zu geben, woher ihr Reichtum kommt. Die letzte Entwicklung ist, dass sie sogar Einkommensentschädigungen in Millionenhöhe für die Zeit des Wahlkampfes fordern. Kurios ist, dass die Menschen hier das akzeptieren. Oft denke ich, dass viele Menschen tief in ihrem Herzen neidisch auf diese Potentaten sind und davon träumen, selbst einmal in dieser glücklichen Lage zu sein. Sie verschließen mit einem Achselzucken die Augen vor dem Problem – nach dem Motto: alles wird gut. Ich selbst wäre nicht überrascht, wenn wir eines Tages im nächsten Jahr von einem Tsunami der Gewalt überschwemmt werden.

Erinnert Ihr Euch noch an Millimoly – die behinderte Studentin, die vor einigen Jahren mit mir in Holland war? Im letzten Monat hat sie erfolgreich ihr Studium abgeschlossen und sucht nun Arbeit als Chemielehrerin in einer Realschule.

Was mich angeht – ich lerne mehr und mehr von diesen kleinen Pillen zu schlucken und habe immer weniger Energie. Ich habe meinen Flug nach Holland für Juli gebucht und hoffe, viele von Euch persönlich zu treffen. Vor nicht allzu langer Zeit erhielt ich die Nachricht, dass einer meiner Freunde aus Kindertagen – Paul Schneider – gestorben ist. Er besuchte regelmäßig unser jährliches Treffen in Holland – ein großer Mann mit Bart. Einige Monate vor seinem Tod besuchte ich ihn und seine Frau Jose in Ulvehout – es war ein Fest der Erinnerungen. Wir erinnerten uns an die beiden Bomben, die in seinen Garten fielen, ohne zu explodieren. Nach dem Krieg sammelte die Armee eine davon auf und entschärfte sie auf der Veranda – direkt neben seiner Mutter, die gerade Socken strickte. Die zweite Bombe betonierten sie ein und schrieben das Wort BOMBE auf den Betonpanzer; einige Jahre später wurde auch diese Bombe abgeholt – dafür musste die halbe Stadt Hengelo evakuiert werden. „Mach’s gut, lieber Paul. Es ist schon so: manchmal müssen bestimmte Dinge zu Ende gebracht werden.

Liebe Freunde, vielen Dank für Eure Hilfe ! Macht weiter, denn wir brauchen Euch so dringend wie nie. Und glaubt mir: die Früchte aus Eurer Unterstützung sind groß und bestehen fort. Im Namen Eurer Freunde hier wünsche ich Euch allen

 

Frohe Ostern

Hans

Sommer 2010

Liebe Freunde,

Im Februar bin ich von Nairobi nach Kisumu zurückgekehrt und bin jetzt so etwas wie ein Ombudsmann für die Arbeiter hier in Pandipieri. Auf diese Weise konnte ich sehen, dass manche hier die Probleme anders zu lösen versuchen, als ich es tun würde Ich selbst würde – wenn es ein Problem gibt – alle beteiligten Personen zusammen rufen und um ihre Meinung bitten, damit Licht in die Angelegenheit kommt: mit solch einem zusätzlichen Licht werden die Konturen schärfer und man kann die Probleme besser erkennen. So denkt man hier aber nicht. Hier sehe ich, dass alle, die mit einem Problem zu tun haben, eher dazu neigen, das Ganze noch mehr durcheinander zu bringen, damit in dem dadurch entstehenden undurchsichtigen Wirrwarr nicht mehr erkennbar ist, wessen Fehler das Problem verursacht hat. Damit wird jedes Problem unlösbar und gerät – unerledigt – im Laufe der Zeit in Vergessenheit. Hallo, Ombudsmann -gibt es Dich noch ?

Außerdem versuche ich, die alten Pandipieri-Ideale durch neue Initiativen ein wenig aufzupolieren – viele sind sehr glücklich darüber. Unserer Mill Hill Missionsstation wird immer bunter, weil immer mehr Kandidaten aus außereuropäischen Ländern dazu kommen. Es gibt immer mehr junge Männer aus Indien und den Philippinen hier bei uns: Mill Hill bleibt in Bewegung und es wird immer deutlicher, dass die verschiedenen Kulturen lernen müssen, miteinander umzugehen. Was damit auch deutlicher wird, ist die Basis sowohl unserer Entwicklungsarbeit als auch die unseres Apostolats: Jeder einzelne soll bei uns aufblühen und die Chance erhalten, seine Fähigkeiten zu entwickeln.
Hier sollten die Unterschiede der Kulturen keine große Rolle spielen.
-Welche Bedeutung eine Hütte hat…….
Die dörflichen afrikanischen Kulturen bergen oft wahre Schätze an Weisheiten. Das wurde mir erst kürzlich bewusst, als ich hörte, wie eine unserer kenianischen Gemeinden die Symbolik ihrer Hütten beschrieb: Hütten sind ein Symbol der Gemeinschaft; der Mittelpunkt einer Hütte symbolisiert das Leben innerhalb der Gemeinschaft; die höchste Spitze der Hütte steht als Symbol für die Vorfahren und die Dachpfosten sind das Symbol für die Ältesten. Die vertikalen Bretter der Wände stehen für Männer und die horizontalen Bretter versinnbildlichen die Frauen. Die Stricke, mit denen horizonale und vertikale Bretter miteinander verzurrt sind, gelten als Symbol für die Kinder. Ist das nicht ein schönes Sinbild ?

-Vier Räuber
… und noch eine kulturelle Anekdote: an einem Sonntag, als wir gerade „shulbak“ in Nyalenda spielten, amüsierten sich meine Mitspieler königlich über folgende Geschichte:
Es gab einen Mann im Dunga Fischerdorf, der in seinem Haus von vier Räubern überfallen wurde. Er bat um Gnade, aber sie griffen ihn mit Macheten an. Der Mann warnte sie, dass sie sich mit diesem Überfall bösen Ärger einhandeln würden; aber sie schlugen ihn weiter und ließen ihn schwer verwundet zurück. Dies passierte vor einigen Wochen; nun liegen drei der Räuber todkrank und völlig verrückt im Kopf im Krankenhaus und der vierte Räuber rennt verzweifelt umher und hält seine Genitalien, aus denen die Würmer kriechen – der überfallene Mann hatte die Räuber verhext. Meine Freunde versicherten mir, dass es Menschen gibt, die andere mit Flüchen belegen können – sei es, weil sie eine persönliche Gabe haben oder weil ihre Eltern mit ihnen bestimmte Rituale durchführten, als sie noch Kinder waren.
-Ein gehörloses Mädchen…

Wann immer wir „shulbak“ spielen, treibt sich ein kleines 4-jähriges Mädchen in unserer Nähe herum. Sie ist taub und stumm. Sie lebt nicht bei uns aber doch ganz in der Nähe. Sie spielt dann ein wenig, schläft ein bißchen, macht ein paar Zeichen mit der Hand und bekommt einen Teller mit Essen. Irgendwann ist es dunkel – fast zehn Uhr! Sollte sie nicht langsam nach Hause gehen ? Nein – ihre Mutter weiß, dass sie bei uns ist Aber sollte nicht irgend jemand das kleine Mädchen nach Hause begleiten ? Nein – sie findet ihren Weg schon alleine. Vier Jahre alt ! Stumm und taub ? Alleine zurück nach Hause zwischen all den Wellblechhütten und in der Dunkelheit ? Ja – Kinder können das: dank der Erziehung zur Unabhängkigkeit, die sie erfahren.

 

Das Gesundheitsprogramm unserer Gemeinschaft

Vor nicht allzu langer Zeit saß ich in Schwester Bernadette’s Büro, um die Kassenbücher zu prüfen. Erstaunlich, wie sich alles hier entwickelt hat! Hier sind nun 37 Personen beschäftigt – viele von ihnen mit medizinischer Ausbildung. Sie bekommen hier den Lohn, der von der Regierung für diese Tätigkeit vorgeschrieben ist. Für alle zusammen, belaufen sich die Lohnkosten auf ca. Euro 10.000,00 / Monat. Daraus kann man ersehen, dass alle, die hier arbeiten, anständig entlohnt werden. Für mich ist das ein Grund zur Freude. Mit unserem Gesundheitsprogramm helfen wir nicht nur vielen Kranken, unterweisen tausende Haushalte in der Haushaltsführung und Nachbarschaftshilfe – wir geben auch noch 37 Personen Arbeit und einen anständigen Lohn.

Das Gesundheitsprogramm hier steckt voller Überraschungen. Gestern traf ich zufällig eine holländische Dame mit Namen Inge hier im Pandipieri Centre. Sie ist Ärztin und begleitet unserer Programme hier einen ganzen Monat lang; sie war sehr aufgeregt und erfreut darüber, wieviel sie hier schon gelernt hatte. Am gleichen Tag sah ich in der Nähe des Tores ein Mädchen an einem Tisch mit Wasserflaschen sitzen – sie machte dort Werbung für eine neue Entdeckung. Wissenschaftler hatten nämlich herausgefunden, dass man Wasser sterilisieren kann, indem man die mit Wasser gefüllten Flaschen für einige Stunden in die Sonne stellt. Die Leute, die dem Mädchen ihre Botschaft glaubten, schrieben ihren Namen in das Buch des Mädchens und bekamen eine Flasche Wasser. An diesem Morgen waren schon achte neue Namen in das Buch eingetragen worden. Dieses Mädchen gehörte zu einem Aktionsbündnis, das die Neuentdeckung bekannt machen wollte und hatte ihren Stand im Rahmen unserer Gesundheitsprogramme im Centre aufgebaut.

Wann immer wir über unsere Gesundheitsprogramme sprechen, denken wir an Jacinta van Luijk. Schon deshalb waren es gute Neuhigkeiten für alle in Millhill, das Jacinta seit dem 1. Mai wieder bei uns ist und mit ihrer Arbeit die gefährliche Welt rund um Kitale etwas besser machen will.

 

Euch allen wünsche ich, dass Ihr den Sommer genießen könnt.

 

Hans

Ostern 2010

HANS BURGMAN SCHREIBT

MEINE HEIMKEHR NACH KISUMU

Ende Februar machte ich mich auf den Weg zurück nach Kisumu. Dort war ich wunderbar im Mill Hill Haus untergebracht: ein großes Wohnzimmer, ein ebenso großes Schlafzimmer mit Bad und Toilette. Auch Gerry Mooij lebt in diesem Haus. Nebenan im Gästehaus von Mill Hill nahmen wir unsere Mahlzeiten ein – der Umzug war einfach schrecklich.
Ich habe lange gebraucht, um herauszufinden, warum ich nicht in Nairobi leben konnte. Zuerst dachte ich, dass es an meinem Alter liegt. Aber die wahren Gründe waren, dass man Angst davor hatte, dass meine Anwesenheit zu einem zu großer Unruhe führen könnte. Das war eine bittere Pille für mich – aber ich habe dieses Kapitel abgeschlossen. In Kisumu fühle ich mich wohl, denn ich habe dort viele Bekannte. Derzeit arbeite ich an meiner Agenda; im Moment gibt es viel zu tun – dieser Newsletter zum Beispiel! Außerdem muss ich noch die englische Ausgabe meines holländischen Buches LOSGELOPEN WOORDEN Korrektur lesen. Im September wird dieses Buch mit dem englischen Titel WORDS OF PASSAGE erscheinen. Zudem arbeite ich an dem Buch, dass wir über Pandipieri schreiben und – schon in naher Zukunft – werde ich eine nützliche Aufgabe für KUAP übernehmen. Der gesamte Vorstand hat sich neu gebildet und ich werde versuchen, diese Menschen zu einer engagierten Gruppe zu formen, die willens ist, den ursprünglichen Geist und die Ziele Pandipieris lebendig zu halten. Bruder John Oballa, der Vorsitzende, wurde nach Nairobi versetzt. Seine Stelle wurde durch den Erzbischof durch Bruder Moses besetzt, der gleichzeitig auch mein Nachfolger als Gemeindepriester in Milimani ist. Wir kommen gut voran und ich schaue optimistisch in die Zukunft.

 

PAUL WURDE VERHAFTET

Paul war mein Koch in Nairobi. Er kam jeden Morgen um halb sieben nach einer einstündigen Fahrt mit dem Bus. Eines Morgens aber kam er nicht. Um neun Uhr rief er mich an, um mir mitzuteilen, dass man ihn – zusammen mit 14 anderen Passagieren des kleinen Busses – verhaftet habe: sie waren an einer Stelle in den Bus eingestiegen, die keine Bushaltestelle mehr war. Zu dieser Zeit waren alle auf der Polizeistation und sollten weiter zum Gericht gebracht werden. Mittags rief er mich erneut an – dieses Mal vom Gericht aus, wo man sie – mit Handschellen gefesselt – hingebracht hatte, aber die Verbindung wurde unterbrochen. Erst abends um zehn Uhr gelang es mir, ihn zu erreichen -er war wieder zuhause; aber alle waren mit einer Strafe von 10.000 Schilling belegt worden, was in etwa einem Monatsgehalt entspricht. Seinem Vater war es gelungen, das Geld irgendwie aufzutreiben, sonst hätte Paul im Gefängnis bleiben müssen. Die von Euch, die meine Predigt anlässlich des Treffens in Holland gehört haben, werden verstehen können, warum so etwas passieren kann. Wir leben in einer Kultur der Macht. Gesetze – auch Verkehrsgesetze – werden den Menschen mit Gewalt übergestülpt; es gibt nicht einmal den Versuch, den Menschen Sinn und Nutzen der Gesetze zu erklären. Im Gegenteil: mit drakonischen Strafen muss man die Menschen einschüchtern. Tut man das nicht, geraten die Gesetze einfach in Vergessenheit. Kürzlich hörte ich, dass man einen Motorradfahrer mit mehr als einem Beifahrer mit einer Strafe in Höhe von 40.000 Schilling belegen könnte – aber kein Polizist würde dieses Gesetz anwenden (ein Gesetz nicht anzuwenden, ist auch eine Form der Macht). Und so sieht man jeden Tag Motorradfahrer mit mehreren Soziusfahrern; der obligatorische Helm liegt gewöhnlich auf dem Benzintank. Das ist die Art, wie man hier mit Gesetzen umgeht.

 

PAMELLA’S BEERDIGUNG

Pamela, die Ehefrau des letzten KUAP-Vorsitzenden Alphonce Lumumba, starb unerwartet. Im Januar war sie wegen zu hohen Blutdrucks in Krankenhaus gekommen; dort hatte sie einen Anfall und starb mit nur 39 Jahren. Dieses Jahr wären sie und Alphonce zwanzig Jahre verheiratet gewesen. Zwei Wochen nach ihrem Tod brachte man ihren Leichnam mit einer lauten Autokolonne von der Leichenhalle zur Milimani Kirche. Die Autoeskorte war so laut, weil Jugendliche auf mit Ästen geschmückten Fahrrädern den Leichenzug mit lautem Schreien und Pfeifen anführten. Nach dem Gottesdienst ging die laute Prozession weiter zu Alphonce’s Haus in der Nähe von Dunga – dorthin, wo die Beerdigung stattfinden sollte. Zuerst aber musste Pamela eine Nacht lang in ihrem Haus bleiben, wo sie in aller Pracht aufgebahrt war. Es wurden Lieder gesungen, gebetet und Trauerreden gehalten. Die ganze Zeremonie dauerte von 10 Uhr morgens bis 6 Uhr abends. Eine große Menge Menschen unterstützte Dutzende von Rednern, sang und betete. Hunderte von Menschen waren da – sie saßen zu mehreren auf einem Stuhl, um im Schatten der Bäume und Zelte zu sein; Hunde und Hühner liefen herum und die Redner rissen Witze oder wurden nieder gebrüllt. Als einer der Redner immer wieder dumme Bemerkungen machte, rief Pater Gerry Kraakman – der Hauptzelebrant: „Sagt dem Idioten, dass er sich endlich setzen soll!“ Ein Stadtrat kündigte an, dass er eine Straße reparieren wolle, Politiker versuchten, sich in Szene zu setzen und in seiner langen Dankesrede sagte Alphonce, dass ihm einige Eltern bereits ihre Töchter als Ersatz angeboten hätten -allerdings sei eine Ehefrau für ihn nicht nur ein Gegenstand, den man nur zu nehmen brauche. Bei einer solchen Beerdigung trifft man viele Bekannte. Miss Molly, die vor zwei Jahren mit mir in Europa war, kam als leidenschaftliche Sängerin des Chors – wann immer ich sah, sang sie. Auf dem Weg zum Grab, schwenkten die Freunde den Sarg langsam hin und her – wie in einem langsamen Tanz: auf und nieder – hin und her. Die Männer, die die ganze Nacht lang das Grab in dem felsigen Untergrund ausgehoben hatten, waren alle ein wenig beschwipst, weil sie sich mit Gin bei Laune gehalten hatten. Als die gleichen Männer dann das Grab zuschaufelten, sah ihnen die singende Menge aufmerksam zu; kleine Kinder quetschten sich zwischen den Beinen der Menschen durch, um zu sehen, wie ihre Mutter oder Tante oder Nachbarin langsam unter einer Kaskade von Sand und Steinen begraben wurde. Als alles vorbei war, legte man Blumen auf das Grab und die Gäste gingen fort, um ein gemeinsames Mahl einzunehmen. Es war die Therapie für einen schmerzlichen Verlust – in ganz großem Stil. Ich glaube, das früher (und heute vermutlich auch noch) die Menschen dachten, dass der Geist des Verstorbenen über dem Grab schwebt, um herauszufinden, wer für den Tod verantwortlich ist; bei den Luos glaubt man nicht an die natürliche Ursache für den Tod eines Menschen; man ist immer der Meinung, dass der Tote umgebracht wurde. In jedem Fall ist das Begräbnis das größte Fest Deines Lebens. Früher kamen die Gäste und brachten Essen mit; heutzutage muss die Familie schmerzlich hohe Rechnungen für ein solches Ereignis bezahlen. Manche Anthropologen halten dies für zweckmäßig: auf diese Weise verbraucht sich das ganze Erbe auf einen Schlag und es gibt nichts mehr, worüber sich die Hinterbliebenen streiten könnten. Pamela’s Beerdigung verlief ohne Störungen und alle gingen zufrieden nach Hause.

 

AFRIKANISIERUNG BEDEUTET MEHRKOSTEN

Wer auch immer sich mit Entwicklungsarbeit beschäftigt, weiß, dass die Afrikanisierung ein Teil der letzten Phase eines solchen Projektes ist. Weil die Unterschiede zwischen der afrikanischen und der westlichen Kultur in dieser Phase eine wichtige Rolle spielen, habe ich in der Predigt während des letzten Treffens in Holland auch darüber gesprochen. Ich hoffte, auf diese Weise Verständnis für das zu wecken, was in dieser Phase der Afrikanisierung vor sich geht. Ohne das negativ zu meinen, muss man sagen, dass die Effizienz in diesem Stadium leidet. Kreditgeber und Gönner hören das nicht gerne; manchmal macht diese geringe Effizienz sie so ärgerlich, dass sie sich zurück ziehen und woanders neu anfangen und mit der schon bekannten Anfangsphase ein anderes Projekt starten. Sie verstehen nicht, dass ihre Unterstützung gerade in dieser letzten Phase so wichtig wie nie ist: Gönner eines Projektes sollten dazu bereit sein, noch mehr Unterstützung zu leisten, um dem Projekt auch durch diese letzte und schwerste Phase zu helfen. Aber die Menschen sind nicht darauf erpicht, Projekte mit geringer Effizienz zu unterstützen – sie raten: „Ersetzt die Stümper einfach durch Leute, die mit europäischer Effizienz arbeiten.“ Dieses Problem betrifft zur Zeit auch uns in Pandipieri und wir versuchen, dieses Problem mit einer großen Portion „gutem Willen“ zu lösen. Es ist der gleiche gute Wille und Geist, den wir in so vielen von Euch – unseren treuen Freunden – wieder finden.
Ich danke Euch für Eure beständige Unterstützung und wünsche Euch frohe Ostertage.

 

Hans

Weihnachten 2009

Liebe Freunde,

Ich möchte auf ein wichtiges Ereignis aufmerksam machen: die KUAP Generalversammlung, die am 30. Oktober stattfand. Mehr als einhundert Interessenvertreter aus allen Gegenden Kisumus waren anwesend. Tagungsort war die schöne große Halle der Mädchen- Haushaltsschule in Nyalenda. Der KUAPVorsitzende, Pater John Oballa, gab uns einen beeindruckenden Überblick über die Aktivitäten des vergangenen Jahres – ein Bericht mit mehr als 27 Seiten, sodass ich Euch hier nur eine kleine Auswahl der wichtigsten Punkte vorstellen kann. Es ist ein Zeugnis dafür, wie erstaunlich sich Pandipieri entwickelt hat. Der komplette Bericht kann natürlich gerne angefordert werden.

Allgemeines

• Alle unsere Zentren wurden durch die Regierung offiziell zugelassen
• Die Vorschule wurde renoviert und vergrößert
• Im Magadi Zentrum wurde ein neues Schulgebäude errichtet
• In Pandipieri wird eine große Gemeinschaftshalle gebaut

Gesundheitsprogramme

• 968 Hausbesuche, 330 Toiletteninspektionen, 75 davon renoviert
• 1384 Kinder untersucht, 126 wurden stationär behandelt
• 120 Menschen beteiligten sich an Aufräumungsarbeiten in zwei Gemeinden
• 96 Besuche in Schulen, um sanitäre Anlagen zu inspizieren, Bäume zu pflanzen, zur Kontrolle der Abfallbeseitigung und zur Anlage von Gemüsegärten
• Verteilung von Monatsbinden an 1500 Mädchen in 20 Schulen
• Sozialarbeiter machten 1648 Hausbesuche bei 473 Patienten
• 17 Hygiene-Workshops wurden organisiert und von 788 Menschen besucht
• 32 Versammlungen zur Lösung von Nachbaschaftsproblemen
• 3800 Menschen, die an den Nachwirkungen der Aufstände nach den Wahlen im vergangenen Jahr litten, wurden unterstützt
• 1200 fanden bei uns psychologische Konfliktbetreuung

 

Pandipieri und die Magadi Klink

• 9459 Patienenten wurden hier im vergangenen Jahr medizinisch versorgt • 6527 Personen wurden getestet, 7652 Urin- und Stuhltests durchgeführt • 391 Kinder wurden geimpft
AIDS
• 519 Kranke kamen in die Klinik
• 999 Menschen wurden umfangreich informiert
• 31 Versammlungen wurden organisiert
• 98 Patienten wurden medizinisch behandelt
• 1200 Menschen unterzogen sich einem HIV test

Staßenkinder

 

• Die Zusammenarbeit zwischen Rechtsanwälten und
staatlichen Stellen ist gut

• Ein großer Sporttag wurde organisiert

• 74 neue Kinder wurden in die Rehabilitationsprogramme aufgenommen; 40 Kinder gingen zurück nach Hause und 30 Kinder begannen, wieder erste Kontakte zu ihren
Familien aufzubauen.
• 200 Kinder wurden durch unsere Streetworker kontaktiert und auf unsere Programme aufmerksam gemacht

Mädchen – Haushaltsschule und Berufsberatung

• Geschäftsangelegenheiten werden im Lebenslauf hinzugefügt
• 40 Nähmaschinen haben wir bekommen, um die größeren
Mädchen auszubilden

• 14 Schulen wurden mit Gebäuden und Toiletten unterstützt

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Buchhaltung
• Die Bücher wurden durch offiziell bestellten Auditoren
geprüft
Pläne
• Ausweitung der KUAP-Programme auf immer mehr
Stadtgebiete Kisumus

Informeller Schulausschuss
• 16 neue Kinder, 32 Kinder wechselten zu normalen
Schulen über
Pandigraphics (Computerraum)
• Wurde nach dem verheerenden Feuer in 2008 wieder
sehr schön aufgebaut

 

Der Aufsichtsrat
Wichtigster Punkt war die Wahl der neuen Mitglieder. Vier bisherige Mitglieder schieden nach 6 Jahren satzungsgemäß 5 aus. Man dankte für Ihren Einsatz und sie stellten ihre Nachfolger vor:

James Makombwa – Personalverantwortlicher wird ersetzt durch Peter Mahula (Kibuye)
Luke Onkoba – Erziehung wird ersetzt durch Margarret Ojuando (Riwo)
Elija Omollo – Kinder wird ersetzt durch Mary Olande (Nyalenda), Lehrerin
Paul Otieno – Finanzen wird ersetzt durch Samuel Deya, Banker und verantwortlich für Mikrokredite
Peter Karanja – Rechtsberater wurde abgelöst durch Anne Omolo, Magistrat des obersten Gerichtshofes
Agnes Aggot – Medizinische Expertin war schon bereits für den Geschäftsbereich Gesundheit tätig

 

So gibt es nun vier Frauen im Aufsichtsrat. Fr. John Oballa bleibt Vorsitzender, Fr. Fons Eppink ist sein Stellvertreter und ich selbst bleibe missionarischer Berater.

Ich muss zugeben, dass ich dies alles mit großem Stolz berichte und ich möchte, dass auch all unsere Freunde stolz sind. Es ist das Ergebnis der vergangenen 30 Jahre – ein Bericht über das Wachstum und die Früchte, die unsere Anstrengungen hervorgebracht haben.

Zum Gedenken an Josephine Akelo

Wer auch immer Pandipieri besucht hat, wurde von Josephine geküsst – eine Geste, die sie von uns übernommen hat – aber für sie war es mehr: eine Geste tiefer Freundschaft auf höherer Ebene, denn für Sie war alles von Bedeutung und jeder war ihr wichtig.

In Pandipieri wurde sie erwachsen; ihr Vater war ein außergewöhlicher Katholik – er schenkte in den siebziger Jahren die Hälfte seines Grundstücks Pandipieri. Der Gemeindepriester errichtete auf diesem Grundstück einen Kindergarten, eine schöne Halle und einige Häuser – das alles nannte er dann St. Mathias Mulumbna. Josephines Ehe endete in einem Desaster, denn sie konnte keine Kinder gebären. Wie viele andere Frauen Kenias, mit denen sie dieses Schicksal teilte, wurde sie somit als nutzlos betrachtet. Finanziell konnte sie sich über Wasser halten, denn sie war eine exzellente Textilhändlerin – aber innerlich brodelte es immer in ihr.

Im Jahr 1977 ermunterte ich führende Gemeindemitglieder in den Slums von Kisumu, sich an kirchlichen Aktionen für Bedürftige zu beteiligen und Mathias Mulumbna wurde zur Basis dieser Aktivitäten. Josephine stellte sich uns vor – sie hatte eine Vorliebe und 7 ein gutes Gefühl für Gedichte und organisierte gerne. Sie hatte kein Problem damit, sich mit anderen auseinanderzusetzen; sie war treu wie ein Schäferhund und liebte es, gestreichelt zu werden – die ideale Person für große Herausforderungen. In 1979 ließ ich mich in dem Zentrum ihres Vaters nieder und änderte den Namen in Pandipieri Catholic Centre. Wir waren eine kleine Gemeinschaft: Kizito, Mary, Toon van Kaam, Cees van der Hulst und ich. Josephine gesellte sich sofort zu uns. Sie tat das, was einmal die Jünger Jesu getan hatten: sie ließ alles hinter sich und stellte ihr ganzes Leben in den Dienst Pandipieris. Keine Wogen waren ihr zu hoch und keine Pläne zu verrückt. Sie war die “Geburtshelferin” fast aller Pandipieri Programme. Josephine versuchte alles und war mit unerschöpflicher Energie gesegnet. Meine eigene Mutter – selbst auch kein langsamer Mensch – konnte beim Nähen nicht mehr mithalten. Während der ersten zehn Jahre wusste niemand von uns, wie alt Josephine war. Sie verstand die Philosphie Pandipieris und ging darin völlig auf; und sie hatte sehr viele Kinder, denn alle Jungs, die die Schule besuchten, wurden ihre Söhne. Als zurück gewiesene und kinderlose Frau war ihre Stellung innerhalb der Kultur der Luos mehr als heikel. Es gab nicht einmal eine Grabstelle für sie – aber sie fand eine Lösung – 8 sie kaufte sich ein Stückchen Land. Das war sehr progressiv, denn eine traditionelle Frau besitzt hier kein eigenes Land. Auf diesem Stückchen Land baute sie sich eine Heimstätte; auch das ungewöhnlich, denn üblicherweise baut der Mann das Haus für seine Frau. Danach konnte ihr niemand mehr ein eigenes Grab verweigern – sie wurde in der Nähe ihres Hauses auf ihrem eigenen Grundstück begraben. Ihr Leben stand unter keinem guten Stern. Die Nichtanerkennung von Autorität ist in Afrika keine einfache Angelegenheit: wie so oft in der Geschichte passiert, entledigt man sich dieser Menschen oder schränkt ihre Freiheit ein. Ich habe mich sehr energisch dafür eingesetzt, dass meine alten Weggefährten eine bedeutende Position in einem Beratungsgremium bekommen – ohne Erfolg. Plötzlich brauchte man Josephine nicht mehr – wieder einmal war sie “nutzlos”. Das war das Ende ihres Lebens – ein Hirnschlag war der letzte Akkord Ihres Lebensliedes. Durch KUAP erhielt Josephine einen schönen Sarg und ein würdiges Bergräbnis. Aber der Name Josephine Akelo wird noch lange als Echo durch Pandipieri hallen – auch dann, wenn die Namen aller anderen längst vergessen sind. Und das ist richtig so: sie war ein Grundstein Pandipieris.
Euch allen
ein friedvolles Weihnachtsfest
Hans

Sommer 2009

Liebe Freunde,

 

Viele Grüße aus Nairobi, wo ich jetzt bin und neue Erfahrungen sammle.

Selbst während ich hier sitze und schreibe, bin ich mir der Tatsache bewusst, dass ich mich genau an der Grenze zwischen zwei Welten befinde. Direkt hinter mir kann ich eine gut florierende und wohlhabende – von Schranken geschützte – Gesellschaft sehen – hohe Mauern und teure Wagen. Gestern sprach ich mit einigen Nachbarn, die gerade umziehen. Sie sagten mir, dass sie umziehen, weil das neue Haus näher an der Schule liegt, in die der kleine Sohn der Familie geht. Sie wollen sich durch den Umzug den täglichen Aufwand und die Zeit sparen, den Jungen zur Schule zur bringen und wieder abzuholen.

Vergangene Woche gab ich eine Einweihungsfeier für meine Nachbarn. Nur einige wenige kamen. Eine Dame entschuldigte Ihren Ehemann damit, dass er zu einem Golfturnier müsse. Später – als ich aus meinem Fenster schaute, sah ich dann Kibera – das ist der große Slum, von dem ich Euch in meinem letzten Brief berichtete und in dem ungefähr 700.000 Menschen leben – zwei Welten so nah und doch so gegensätzlich.

Die Lebensbedingungen dieser Menschen in Kibera sind jenseits von Gut und Böse. Diese Menschen leben dort nicht unbedingt aufgrund ihrer Armut, sondern oft aus Unternehmungslust: Ja, sie nehmen obendrein diese Hölle auch noch in Kauf. Die großen Schwierigkeiten beginnen dann, wenn sie Kinder bekommen – das setzt ganz merkwürdige Gedanken frei. Es ist schon klar, dass die Menschen hier es vorziehen, ihr
Leben als ein einziges „Krisen-Mangement“ zu betrachten. Ich glaube sogar, dass sie – wenn sie schon einmal einen Plan machen, immer etwas in diesen Plan einbauen, was absolut unmöglich ist, sodass der Plan irgendwann einmal auf jeden Fall misslingen muss. Dann können sie ihr Leben wieder nach dem bewährten Muster „Krisen-Management“ bewältigen. Frei nach dem Sprichwort: Im Ernstfall ist das Recht außer Kraft gesetzt. Die Menschen in Kibera sind beständig dabei, Krisen zu bewältigen – und hier gilt immer der Ernstfall.

Etwas anderes, an das ich mich hier gewöhnen muss, ist der fürchterliche Verkehr. Jeder fährt so schnell er kann, überholt rechts und links – selbst auf der Standspur. Viele schneiden Dich beim Überholen oder lassen Dich nicht in den laufenden Verkehr einfädeln. So, wie man sich hier mit ohrenbetäubendem Hupen Platz verschafft, habe ich manchmal das Gefühl, dass Neandertaler hinter dem Steuer sitzen: aber nein – es sind normale Menschen, sogar nette, junge Damen. Daran muss man sich erst gewöhnen.

Mindestens einmal im Monat fahre ich nach Kisumu. Die neue Gemeinschaftshalle in Pandiperi wird sehr schön. Sie liegt ein wenig eingequetscht zwischen andren Gebäuden – aber auch das hat einen gewissen Charme: Ein Irrgarten gewundener Passagen und schönen Plätzen ist so entstanden. Unser Gesundheitszentrum entwickelt sich auch weiter und „frisst“ sich immer mehr in Richtung der benachbarten Gebäude – ein gesundes, natürliches Phänomen. Wenn man Gebäude wie diese Gemeinschaftshalle baut oder auch wie die Haushaltsschule für die Mädchen in Magadi, so ist das ein arbeitsreicher Prozess, denn auch bezahlt wird hier nach den Gesetzen des „Krisenmangements“. Aufgrund des langsamen Arbeitstempos steigen die Preise – das wiederum verstärkt die Krise. Am Ende ist immer alles gut – aber du willst nicht wirklich wissen, wie alles letztendlich gelaufen ist!

Die Regierung ist bereit, über den Entwicklungsfond zu helfen; angewiesen werden die Gelder durch die Mitglieder des Parlaments. Man hatte uns von dort Geld für die Gemeinschaftshalle und die Schule versprochen – aber letzten Monat las ich dann in der Zeitung, dass die für Ksiumu vorgesehenen Gelder beim Bau von „Phantom-Projekten“ verschwunden sind. Ein Priester aus der Nachbargemeinde war da besser dran: dort installierte man wenigstens die elektrischen Leitungen in der neuen Schule, obwohl man ihm vorher auch die Gelder für den gesamten Schul-Neubau zugesagt hatte. Wir warten also – mit angehaltenem Atem – auf das neue Budget.

Die Tradition, dass Besucher nach Pandipieri kommen und dort Erfahrungen sammeln, setzt sich fort. Sie genießen die Abenteuer hier – man spürt hier noch so viel von dem Geist des früheren Pandipieri. Wann immer ich in Kisumu bin, nehme ich an den Gesprächen und Versammlungen teil und halte Kontakt zu allen. In der vergangenen Woche kam der neue Vorsitzende des Gemeindrates von S. Josph und holte mich zum Abendessen ab. Wieder daheim, als ich ins Bett gehen wollte, merkte ich, dass meine Brieftasche aus meiner Tasche gefallen war – vermutlich, als ich in seinem Wagen saß. Ich beschloss, am nächsten Morgen mit den Hühnern aufzustehen und zu ihm zu gehen, um nach meiner Brieftasche zu fragen. Ich wachte früh auf, sah auf meine Uhr – es war 06:00 hh . Ich zog mich schnell an, schlich mich aus dem schlafenden Haus in mein Auto, startete den Motor und machte Lichter an. Gerade, als ich losfahren wollte, sah ich auf der kleinen Uhr am Armaturenbrett: es war ja erst 01:30 hh – ich hatte mich in der Zeit vertan. Später – bei einem zweiten – Versuch, fand ich dann meine Brieftasche in dem Auto des Mannes, mit dem ich zu Abend gegessen hatte.

Wie ich bereits in meinem letzten Brief erwähnte, lebte eine Gruppe indischer Schwestern ein paar Häuser weiter – ich feiere oft den Gottesdienst mit ihnen. Dafür belohnen Sie mich mit einem scharfen Currygericht zum Frühstück. Das ist sehr nett, denn – wie ich in kürzlich in einer Zeitschrift las, schützt Curry gegen Alzheimer. Ich rate Euch – probiert das auch !

Während ihrer Ausbildung haben diese Schwestern auch Karate gelernt, damit sie sich im Notfall verteidigen können. Letzten Monat reisten zwei von Ihnen mit dem Bus von Kampala nach Nairobi. Plötzlich sprangen vier Leute auf den Bus und drängten den Busfahrer von seinem Platz; einer von ihnen übernahm das Steuer und die anderen begannen damit, die Reisenden systematisch auszurauben und bedrohten sie mit Messern. Sie packten die Nonnen an der Gurgel aber alles, was sie Nonnen taten, war Zeter und Mordio zu schreien – von Karate keine Spur. Nachdem die Diebe das Geld und alle Wertgegenstände der Reisenden gestohlen hatten, verschwanden sie wieder in der Dunkelheit. Die Opfer des Überfalls sagten zueinander, dass sie noch Glück gehabt hatten, weil nichts Schlimmeres passiert war; die Diebe hätten sie schließlich auch töten können.

Die Schwestern lieben es, in ihrer Kapelle auf dem Boden auf Kissen zu sitzen. In der vergangenen Woche saß ich nach einem Gottesdienst noch eine Weile auf einem Stuhl, als eine der Schwestern kam mir zuflüsterte, dass bei dem Kissen direkt hinter mir eine Ratte sei. Ich rückte das Kissen vorsichtig zur Seite und – tatsächlich – da saß eine fette Ratte. Aber was tut man mit einer Ratte an seinem so friedvollen Ort wie dieser Kapelle mit all ihrem Schmuck, den Blumen und den Ewigen Lichtern ? Später hat dann einer der Messdiener die Ratte mit einem Besen erschlagen.

Seit Ende April wohne ich in einem der schönsten Häuser, in dem ich je gelebt habe. Nun endlich kann ich Pläne machen, wie ich die Kontakte zu den Studenten gestalte. In der Zwischenzeit habe ich indische Philosophie studiert und gelernt, wie engstirnig unsere westlich Denkweise ist. Ich befasste mich auch intensiv mit dem Thema „Entwicklungshilfe“. Es gibt wichtige Bücher zu diesem Thema und die Meinungen dazu sind vielfältig. Ein Experte ist der Meinung, dass die Entwicklungshilfe falsch organisiert sei; der nächste meint, die Hilfe erreicht die Millionen Menschen am unteren Ende der Skala nicht. Wieder ein anderer sieht die Entwicklungshilfe sogar als die Ursache der ganzen Misere und würde sie am liebsten abschaffen, während eine andere Gruppe die kommunalen Regierungen für das Elend verantwortlich macht, die ständig nach neuen Sündenböcken suchen, während sie selbst sich die Taschen füllen. Zur Zeit lese ich sechs Bücher gleichzeitig zu diesem Thema. Auf dem „Friends day“ Ende August werde ich darüber berichten. Diejenigen von Euch, die meine Ansprache in den letzten beiden Jahren hörten, werden merken, dass ich diese Diskussion erneut aufnehme und weiter entwickeln will. Eines ist klar: mit Pandipieri erreichen wir unser Ziel. Als Missionar fühlte ich oft von den Experten der Entwicklungshilfe zur Seite geschoben – aber auch das ändert sich langsam, weil auch ihnen nun klar geworden ist, dass es unmöglich ist, afrikanische Probleme einfach in wirtschaftliche Kategorien zu pressen.

Verhaltensweisen müssen geändert werden und gegenseitiges Vertrauen muss aufgebaut werden, Versöhnung, gegenseitige Abstimmung und Großzügigkeit sind nötig – all dies sind Begriffe, die im Wortschatz der Experten fehlen, die aber zum Rüstzeug eines Missionars gehören.

In den letzten Tagen habe ich den Lehrplan für die Kunstschule erarbeitet. Das ist ein Buch mit einem Stundenplan für jede Klasse; der Stundenplan beinhaltet: zeichnen, malen, töpfern, malen mit Wasserfarben, graphische Arbeiten und abstrakte Kunst. An diesem Programm zeigt auch die Regierung Interesse, denn im ganzen Land gibt es nur ganz wenige solcher Schulen. Vielleicht unterstützen Sie uns ja sogar – sie sind herzlich willkommen.
Nur für den Fall, dass sich einige meiner Freunde fragen, warum ein Bart aus meiner Nase wächst: lest meinen letzten Brief ! Jetzt sind die Haare schon 4 Zentimeter lang und für den Moment lasse ich das einfach so – dann kann ich Euch das zeigen, wenn ich Urlaub zuhause mache. Danach müssen sie wieder verschwinden – sie sind einfach zu lästig.

Und zum Schluss noch: wenn jemand daran interessiert ist, meinen Nachruf zu lesen, holt Euch die Mai-Ausgabe des holländischen Magazins „De Jacobsstaf“. Ich bin Abonnent dieses Magazins, seitdem ich als Pilger den Jakobsweg nach Santiago de Compostela ging. Die Dezemberausgabe wurde an meine Urlaubsadresse in Oosterbeek (Holland) geschickt. Dort machte man fälschlicherweise einen Vermerk auf das Magazin “ Dieser Empfänger ist verstorben“ und schickte das Magazin zurück. Und weil mich die Leute vom „De Jacobsstaaf“ gut kennen, schrieben sie in der nächsten Ausgabe vom Mai 2009 einen wunderschönen Nachruf anlässlich meines „Todes“. Viele meiner Freunde lasen das und waren schockiert – verständlich. Es ist nicht jedem gegeben, seinen eigenen Nachruf lesen zu können; mir haben die netten Leute des Magazins leid getan – sie hatten es wirklich gut gemeint.

Liebe Freunde, ich reise jetzt bald ab und hoffe, in der Zeit vom 15. Juli bis zum 15. Oktober in Europa zu sein. Hoffentlich kann ich viele von Euch treffen, ganz besonders anlässlich des „Friend“s Day“ in Oosterbeek.

 

Hans

Ostern 2009

Liebe Freunde,

mein 80. Geburtstag am 16. Dezember 2008 war ein ausgelassenes Fest – besonders deshalb, weil auch meine zwei Brüder Bert und Eugène da sein konnten. Sie blieben für einen Monat und wir drei hatten eine wunderschöne gemeinsame Zeit.

Eines der Dinge, die wir unternahmen, war ein Besuch des kommunalen St. Martin Projektes in Nyahururu. Dieses Projekt basiert auf einer Pandipieri-Idee; die Menschen dort sind von der Arbeit in Pandipieri fest überzeugt. Dieses Projekt beruht nicht darauf, unterstützend für eine Kommune zu arbeiten, sondern es ist das Ziel dieses Projektes, die Verantwortlichen dahingehend zu überzeugen, dass sie ihre eigenen Programme entwickeln, um die vorherrschenden Probleme zu lösen. Das ist die ursprüngliche Bedeutung des in Pandipieri geprägten Begriffs „capacity building“ – ein Begriff, der später von einigen in „staff training“ (Ausbildung) erhielt.

Ich hatte gerade eben noch Zeit genug, ein Auto zu kaufen – groß genug für uns drei. Mein altes Auto hatte ich in Pandipieri gelassen – es war zu groß für Nairobi und hatte einen zu hohen Benzinverbrauch. Jetzt bin ich stolzer Besitzer eines Gebrauchtwagens der Marke Toyota Fitz. Dieses Modell wird hier sehr günstig angeboten – es ist ein Auto, das reiche Männer für ihre Geliebten kaufen. Männer fahren dieses Auto nicht gerne – es scheint nicht den gewünschten Macho-Effekt oder was auch immer zu haben. Ihr seht – in dieser Beziehung muss ich also selbst tätig werden.

Ende Januar war ich erneut in Kisumu. Gerry Mooij war zurück und strahlte mich an: er war an beiden Augen erfolgreich am Grauen Star operiert worden und konnte noch gar nicht viel zu seiner näheren Zukunft sagen.

In Pandipieri nahm ich als Mitglied des „Fund raising Committee“ (Mittelbeschaffung) an einem Treffen teil. Es gibt viele Spender, die sich fragen, wie die Dinge in Zukunft sein werden, während ich jetzt in Nairobi lebe; ich kann sie alle beruhigen. Alle Gelder von meinen Freunden werden nach wie vor über mich verteilt – so, wie das auch in den letzten 10 Jahren der Fall war. Auch in diesem Monat werde ich wieder nach Pandipieri fahren, um die Situation vor Ort selbst zu prüfen.

Soweit es das Pandipieri Centre betrifft, kann ich sagen, dass die neue Halle wunderbar werden wird. Sie wirkt zwar ein bisschen eingeklemmt zwischen den anderen Gebäuden – aber so ist es hier nun einmal. Vor zehn Jahren wurde eine hohe Mauer um das Zentrum herum gebaut, um die Spitzbuben draußen zu halten; jetzt habe ich das gute Gefühl dass Pandipieri langsam über diese Mauern „klettert“ – zurück ins Zentrum.

Pandigraphics hat sich von dem furchtbaren Brand im letzten Jahr erholt und die Arbeit wieder aufgenommen. Das neue Gebäude der Magadi Girls Domestic School (Haushaltsschule) ist nahezu fertig. Vieles ist im Umbruch und Neustart begriffen, aber letztlich geht alles gut. Josephine geht es derzeit nicht so gut. Ich fand sie in ihrem Stuhl vor dem Haus sitzend und sie war nur halb bei Bewusststein. Zusammen mit Freunden haben wir einen Rollstuhl für sie beschafft, damit sie ein wenig beweglich ist. Paul Ochola hat KUAP verlassen; von der alten Garde ist nur noch Mary aus Kizito im Nyalenda Centre übrig.

Das OMA-Projekt für die AIDS-Waisen entwickelt sich weiterhin gut; inzwischen gibt es noch ein weiteres Krankenhaus, das auf dieser Basis mit uns zusammen arbeitet. Auch jetzt – während ich Euch schreibe – werden sechs Menschen mit Unterstützung aus diesem Projekt im Krankenhaus behandelt und freuen sich darüber, dass sie über das OMA-Projekt entsprechend versichert sind. Der neue Gemeindepriester von Milimani – Emmanuel – unterstützt dieses Projekt ebenfalls. Wenn auch Ihr helfen wollt, verseht Eure Spende mit dem Vermerk „H.Burgman, OMA-project“.

Die landesweite Katastrophe des vergangenen Jahres ist noch immer allgegenwärtig. Vielleicht erinnert Ihr Euch an meinen Bericht über die junge Luo-Frau Tabu, die ständig auf einen Rollstuhl angewiesen ist: Sie rief mich von Molo aus an und erzählte mir, dass sich die verschiedenen Stämme untereinander angreifen und auch sie und ihre vier Kinder bedroht werden. Als ich das letzte Mal auf dem Weg nach Kisumu war, rief ich sie an. Gott sei Dank war ihr nichts Schreckliches passiert. Die Mieteinnahmen halten sie über Wasser.

Zusätzlich strickt sie Tischdecken und Bettüberwürfe – ein braves Mädchen. Ich fragte sie, wer sie und ihre Kinder bedroht hatte – es waren die Kinder der Gemeindemitglieder, die ihr vorher beim Bau des Hauses geholfen hatten. Nun schauen sie sich gegenseitig nicht einmal mehr an; ihre Beziehung zueinander ist völlig vergiftet. Im gleichen Bericht damals erzählte ich von Veronica – dieses Mal begleitet sie mich nach Kisumu; dort will sie versuchen, einige ihrer Habseligkeiten zurück zu bekommen (Gesamtwert: ca. 6000 Euro). Ich glaube nicht daran, dass sie Erfolg haben wird. Auch das ist eine Art Gift. Nun will sie eine kleine Bude in Kikuyuland eröffen – noch eine starke Frau.

Wenn wir hier aus dem Fenster sehen, haben wir einen guten Blick auf die gigantischen Elendsviertel „Kibera“. Hunderttausende Menschen leben dort unter unglaublichen Umständen. Wenn man dieses Viertel zum ersten Mal sieht, fühlt man den Ärger in sich hochsteigen. Wie kann so etwas nur passieren? Wie können Menschen gezwungen sein, unter solchen elenden Bedingungen ihr Leben zu fristen? Aber wenn man sich genauer umsieht, fallen einem merkwürdige Dinge ins Auge.

Das Land zum Beispiel gehört niemandem – es gehört der Regierung und die Einwohner von Kibera leben dort illegal Allerdings haben einige Reiche von den Behörden eine Genehmigung bekommen, auf diesem Gelände Baracken zu errichten und zu vermieten.

Diese Eigentümer tun nichts, außer dass sie gerade so den Erhalt der Baracken sichern; wenn die Menschen, die diese Baracken gemietet haben, Reparaturen vornehmen wollen, müssen sie zuvor Geld an den Eigentümer zahlen, damit er ihnen überhaupt erlaubt, die Baracke zu reparieren – selbstverständlich auf ihre eigenen Kosten ! Jegliche Infrastruktur fehlt: Straßen, Abwasserentsorgung, Müllabfuhr, Elektrizität, Sicherheit und Wohnflächen. Es gibt nur wenige Toilettenanlagen und noch weniger Brunnen.

Trotz allem leben die Menschen gerne hier, denn das Leben ist hier vergleichsweise billig, Stadtzentrum und Industriegebiete mit vielen Firmen sind in der Nähe und damit auch die Arbeitsmöglichkeiten. Die wirkliche Frage aber, die ich mir stelle, ist: Sollte man Menschen wirklich erlauben, mit einer solchen Situation zufrieden zu sein ?

Rund um die Slums gibt es große Appartments, die für die Menschen von Kibera (500 000? 700 000? 1 000 000?) gebaut wurden; die aber wollen nicht in diese Appartments ziehen, weil die Mieten zu hoch sind. Auch ich habe hier keine Idee, wie man dieses Problem lösen könnte. Kann die Regierung sie dazu zwingen? Ich glaube, die Slumbewohner werden nur sagen: sollen sie doch kommen und versuchen, uns zu zwingen !

Jeden Sonntagmorgen kann man den Gesang aus den unzähligen kleinen Kirchen in der ganzen Umgebung hören. Mexikanische katholische Missionare bauen gerade eine riesige Kirche mit allen möglichen Einrichtungen inmitten dieses Chaos; eine dreistöckige Bibliothek ist bereits fertig und jeden Morgen stehen die Jugendlichen davor Schlange und wollen eingelassen werden. Ich denke, dass diese verrückten Mexikaner eine gute Sache geschaffen haben und vergleiche das mit unserer eigenen Kunstschule (Art Academy) in den Slums von Nyalenda – manche halten dies sicher auch für eine verrückte Idee. Aber im vergangenen Jahr wurden drei unserer ehemaligen Schüler für einige Monate nach Dänemark eingeladen, um ihre Werke bei einer Ausstellung afrikanischer Künstler zu präsentieren – wer hätte gedacht, dass es für sie jemals so eine Gelegenheit ergeben würde?

Einige von Euch werden sich fragen, wie es meiner Nase geht; in meinem letzten Brief erwähnte ich, dass während meiner Hautkrebsoperation Haut von meinem Hals auf die Nase transplantiert wurde. OK – meine pessimistische Vorahnung hat sich bestätigt: auf dem betroffenen Nasenflügel wachsen tatsächlich Barthaare – sehr feine zwar aber immerhin einige Zentimeter lang. Was soll ich tun ? Wenn ich sie wegrasiere – werden sie dann nicht um so stärker wachsen ? Das behaupten die Leute jedenfalls immer.

Danke für all Eure lieben Grüße und für die schönen Geburtstags- und Weihnachtskarten. Erst kürzlich habe noch eine bekommen – sie hatte eine Reise über Thailand gemacht.

Ich wünsche Euch allen ein gesegnetes Osterfest.

Hans

Weihnachten 2008

Liebe Freunde,
während meines Aufenthaltes in Europa im letzten Sommer habe ich viele alte Freunde gesehen – und viele Ärzte. Am meisten Zeit beanspruchte die Behandlung des Hautkrebses in meinem Gesicht – aber sie alle haben einen guten Job gemacht. An meiner Nase hat man erkranktes Gewebe entfernt und durch neues ersetzt, das man mir zuvor aus dem Nacken entnommen hatte. Die Wunden sind gut verheilt, aber das transplantierte Gewebe ist gefühllos geblieben: wenn ich die Stelle berühre, spüre ich soviel, als ob ich die Nase eines anderen anfassen würde – nämlich gar nichts. Dafür wachsen an dort jetzt Haare, sodass ich diese Seite meiner Nase nun rasieren muss.
Viele von Euch haben dazu beigetragen, dass Millymolly aus Kisumu zu Besuch nach Holland kommen konnte. Ihr Besuch wurde ein wunderbarer Erfolg, denn sie war eine exzellente Botschafterin Kenias – eine Botschafterin für das neue Kenia: sie vermittelte nicht das übliche Bild des Not leidenden Menschen, der um Hilfe bittet, sondern Millymolly ist eine attraktive Persönlichkeit, mit der man gerne zusammen arbeitet.
Sie wohnte bei meinem Bruder Eugene und seiner Frau Lidy in Waalre, einem Dorf nahe bei Eindhofen und machte von dort aus lange Besuche bei anderen Freunden. Millymolly absolvierte nebenbei Praktika in einigen Krankenhäusern und nahm an einer Wallfahrt zu unserer Lieben Frau von Lourdes/Frankreich teil. Überall hörte man ihr Lachen; sie lachte über die holländische Schale mit „Kroketjes“, die sie Kakerlaken nannte. Es gab aber auch Tränen, weil sie Heimweh hatte und bei einer anderen Gelegenheit: Freunde aus Bergeijk hatten eine ärztliche Untersuchung arrangiert, um zu sehen, ob man ihrem verkrüppelten Bein (Kinderlähmung) helfen kann. An diesem großen Tag warteten einige ihrer Freunde aufgeregt mit ihr auf die Diagnose des Arztes. Nach sorgfältiger Untersuchung durch drei Experten teilte man feierlich mit, dass – leider – keine Operation möglich ist. Tränen liefen Millymolly und den anwesenden Frauen über das Gesicht: die Männer nahmen sie in die Arme, um sie zu trösten.
Später fragte ich Milliymolly, warum sie geweint hat. „Weil ich so glücklich war, dass mein Bein nicht operiert wird“, antwortete sie. Ich hatte Angst davor, mit Nägeln in meinem Knie weit weg von zuhause zu liegen -nein, das wollte ich wirklich nicht.“ Ich denke, das ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie schwierig es für Europäer ist, die Reaktionen ihrer afrikanischen Freunde einzuschätzen.

Einige von Euch haben mich sicher schon von dem Dilemma in den kenianischen Krankenhäusern erzählen hören: sie sind viel zu teuer für gewöhnliche Menschen. Dies kann zu der bizarren Situation führen, die Frank Boomers vor einigen Jahren im Misikhu Mission Hospital im Westen Kenias erlebt hat.
Von den verfügbaren 150 Betten waren 75 Betten von Personen belegt, die gar nicht krank waren. Es waren Patienten, die man dort behandelt hatte, die aber ihre Rechnung nicht bezahlen konnten; also durften sie das Krankenhaus nicht verlassen. Es war eine hoffnungslose Situation und keineswegs eine Ausnahme.
Kürzlich hatte ich eine Idee, wie man dieses Problem vielleicht lösen könnte. Mit unserem neuen OMA-Projekt finanzieren wir eine Krankenhausversicherung für all die Familien, die AIDS-Waisen adoptiert haben. Diese Versicherung ist billig: sie kostet nur ca. 20,00 Euro / Jahr. Es ist deshalb so billig, weil die Regierung die Menschen dazu bringen will, eine solche Krankenversicherung abzuschließen. Und wirklich – über unser OMA-Projekt konnten wir Beziehungen zu dem St. Monica-Hospital in der Nähe von Kisumu herstellen – dort schicken wir die Patienten hin, für die wir eine solche Versicherung abgeschlossen haben: ihre Rechnungen werden von der Versicherungsgesellschaft prompt bezahlt. Wenn sich also nur genügend Menschen selbst versichern könnten, bekämen die Krankenhäuser schneller ihr Geld.
Ihr müsst wissen – eine Versicherung in diesem Land abzuschließen, kann man als wirklichen Durchbruch bezeichnen. Die Menschen hier mögen das nicht. Sie denken: erst bezahle ich für eine Versicherung, dann habe ich Pech und werde gar nicht krank – und habe das Geld praktisch „zum Fenster hinaus geworfen“. Auf diese Weise schlägt das OMA-Projekt zwei Fliegen mit einer Klappe: Kein Wunder, dass viele unserer Freunde dieses Projekt mögen.
Also – wenn Ihr dieses Projekt unterstützen wollt, schickt Eure Spende an „H. Burgman, OMA-Projekt“.
Drei Tage nach meiner Rückkehr im November besuchte ich Kisumu. Das Pandipieri-Centre war beeindruckend: das Gesundheitszentrum glich einem Bienenstock; eine Anzahl von Gebäuden musste für seinen Bestimmungszweck hergerichtet werden – andere Gebäude wurden renoviert. Die „alte Garde“ von Pandipieri geht einen schwierigen Weg. Paul Olaka (80) ist plötzlich gestorben; er war eine gigantische Persönlichkeit, der es immer schaffte, die Menschen zum Zuhören und Lachen zu bringen. Er arbeitete in vielen Projekten mit; die Wegstrecken von einem Projekt zum anderen bewältigte er mit seinem kleinen Motorrad. Paul hatte schwere Herzprobleme.
Josephine Akelo – die große Josephine – hat eine Schlaganfall erlitten, seither ist sie einseitig gelähmt; sie lebt jetzt in dem Haus ihrer Mutter (hinter dem Pandipieri Centre), wo man sich um sie kümmert. Aber sie kann noch immer lachen und kurze Sätze sprechen. Paul Onyango ist ebenfalls gestorben – bitte behaltet ihn in Erinnerung.
In der Zeit meines Umzugs nahm ich auch an Treffen zur Entwicklung und Zusammenarbeit teil – ein großes Thema in der Öffentlichkeit. Ich bemerkte, dass die Menschen nur wenig über die tatsächliche Situation Afrikas wissen. Viel mehr Menschen sollten unsere Rundbriefe lesen! Die meisten haben die simple Vorstellung, dass man mit Geld alle Probleme lösen kann. Ich versuche beständig darauf aufmerksam zu machen, dass finanzielle Unterstützung ein Zeichen für persönliches Engagement und Solidarität sein sollte. Bücher und Zeitungsartikel wurden geschrieben, in denen detailliert beschrieben ist, wie viel Geld verschwendet wird und dass viel stärker kontrolliert werden muss.; man müsse umfangreiche gemeinsame Strukturen bilden, um richtig erfolgreich zu sein.

Aber es gibt auch immer mehr Bücher und Artikel, die kleinere Strukturen für die besseren halten: wir sollten unsere großen Pläne den Afrikanern nicht aufzwingen; wir sollten versuchen, die Menschen dort in ihren Bemühungen zu unterstützen.

Mit anderen Worten: Mehr und mehr Menschen entdecken unsere Pandipieri-Methode auch für sich: In all der Zeit waren wir hier den anderen schon dreißig Jahre voraus.

Viele Freunde fragen mich nach meiner neuen Arbeit. Eines ist klar: Jetzt habe ich die Chance, die Erfahrungen, die ich in den vergangenen dreißig Jahren gemacht habe, an junge Männer weiter zu geben, die sie sich im Nairobi-Centre darauf vorbereiten, Mill Hill Missionare zu werden und dann unseren Spuren zu folgen. Sie leben verstreut in ca. 12 Häusern, wo sie ihren eigenen Haushalt haben. Sie besuchen Theologievorlesungen an der nahen Universität. Das Nairobi-Centre bietet ihnen zusätzlichen Unterricht, der den missionarischen Geist fördern soll. Die Studenten kommen aus ganz Afrika, aus Indien und von den Philippinen – eine faszinierende Mischung.
Zurzeit wohne ich in einem winzigen Raum, werde aber in nächster Zukunft wohl ein bisschen mehr Platz haben. Meine e-mail Adresse ist noch die gleiche. Meine neue Postadresse lautet wie folgt:
Mill Hill Missionaries;
Chelsea Marina Courts;
P.O.Box 865 Uhuru Gardens
00517 Nairobi; Kenya.

Bald endet das Jahr, das für Kenia so schrecklich begann. Viele fragen mich, wie die Situation jetzt ist. Als ich am Flughafen in Nairobi ankam, forderte ich ein Taxi an. Ich grüßte zwei Kikuyu-Ladies in ihrer Sprache und sie fragten mich, ob ich auch ein Kikuyu sei. Als ich sagte: „Ich bin ein Luo“, lachten Sie und rümpften die Nasen. Ich glaube schon, dass ein Prozess in Gang gekommen ist, aber man fragt sich doch, wie durch Barack Obama alle Probleme so wunderbar in den Hintergrund geraten konnten.

Ich wünsche Euch allen ein friedvolles Weihnachtsfest und ein besseres Neues Jahr.

Hans

Sommer 2008

Liebe Freunde,

Die meisten von Euch werden schon gehört haben, dass unser florierendes Projekt „Pandigraphics“ durch ein Feuer komplett zerstört wurde. Lasst mich Euch erklären, wo genau Pandigraphics liegt: Das Pandipieri Centre liegt an der Umgehungsstraße von Nyalenda. Ein lang gezogenes Gebäude dort beherbergt die Räume für das Gesundheitsprogramm, einige Büros, einen Raum für medizinische Beratung, ein Beratungsstelle für Ernährung, die Nähschule, Gästezimmer und – ganz hinten am Ende des Gebäudekomplexes – Pandigraphics.

Auf der Rückseite des Gebäudes hatten Leute aus der Nachbarschaft mehrere Verkaufsbuden gebaut; eine dieser Buden ging mitten in der Nacht in Feuer auf – vermutlich aufgrund eines Defekts in den elektrischen Leitungen, der absichtlich herbeigeführt wurde, um den Brand zu legen – das ist hier nicht unüblich. Die Flammen griffen auf das Dach von Pandigraphics über; in dem Raum waren ca. 20 Computer und weitere elektronische Anlagen untergebracht. Unser Wachmann schlug Alarm und von allen Seiten kamen Nachbarn, um uns zu helfen. Weil es in Pandigraphics teure Anlagen gab, war der Raum mit einbruchsicheren Stahltüren gesichert. Das wurde uns jetzt zum Verhängnis: niemand konnte die Türen öffnen und die Geräte in Sicherheit bringen. Als man endlich den Mann gefunden hatte, der die Schlüssel zu den Türen hatte, waren diese mittlerweile so heiß geworden, dass man sie nicht mehr öffnen konnte. Alarmiert durch unsere Wachmänner erschienen Feuerwehr und die Polizei; sie konnten wenigstens den Rest des Gebäudes retten. In einer Welle der Hilfsbereitschaft räumte ein Heer von Helfern alle Räume und lud alles draußen vor dem Gebäude ab – am nächsten Morgen hatten wir ein riesiges Chaos.

Meine erste Frage war natürlich: war irgendetwas davon versichert? Nein – natürlich nicht! Ich kann mich noch daran erinnern, dass wir vor fünf Jahren bei verschiedenen Versicherungsgesellschaften um Angebote gebeten hatten. Das Problem hier ist, dass die Versicherungsgesellschaften nicht gerade wild darauf sind, etwas zu versichern, das sich in der Nähe der Slums von Pandipieri und Nyalenda befindet. Sie verlangen hohe Prämien, die jeder Logik widersprechen. Man sagte mir aber, dass das Pandipieri Management gerade dabei war, eine entsprechende Versicherung abzuschließen, und dass auch das dafür nötige Geld einige Wochen zuvor von einem Spender zur Verfügung gestellt worden war. Das Feuer kam einfach zu früh (Ich konnte das kaum glauben!).

Die schwere, einbruchsichere Stahltür war im Zusammenhang mit der Einbruch-/Diebstahlversicherung eingebaut worden; jetzt bei dem Feuer hatte diese Tür einen gegenteiligen Effekt. In einer anschließenden Diskussion des Gemeinderates haben einige Leute eine ganz offensichtliche Maßnahme vorgeschlagen: wir bauen einbruchsichere Stahltüren ein und hängen den Schlüssel direkt neben die Tür, damit er für jeden zugänglich ist, wenn ein Feuer ausbrechen sollte. Das ist natürlich nicht ganz ernst gemeint.

In diesem Zusammenhang noch eine faszinierende Geschichte: Vor zwei Jahren raubte ein Gruppe bewaffneter Räuber die Pandipieri Bank am hellen Tag aus. Die Reaktion des Managements darauf war eine Anweisung an die Wachmänner, Leute, die das Gelände betreten wollen, strenger zu kontrollieren. In der Nacht des Feuers wirkte sich das dann so aus, dass die Menschen von den Verkaufsbuden mit Eimern gerannt kamen und um Erlaubnis bitten mussten, damit sie Löschwasser von unserer Pumpe holen konnten. Der Wachmann verweigerte ihnen den Zutritt, weil er dachte, sie seien Räuber. Hätte er diesen Leuten erlaubt, das Gelände zu betreten, hätten sie das Feuer vermutlich löschen können, bevor es auf Pandigraphics übergegriffen hätte. Dies lehrt uns, dass auch Sicherheitsmaßnahmen sehr gefährlich sein können.

Zurzeit sind drei Seminaristen hier bei uns, um Erfahrungen auf pastoraler Ebene zu sammeln. Einer davon ist Kenianer und kommt aus unserer Diözese, die beiden anderen sind Mill Hill -Studenten – einer aus Indien und der andere aus Kamerun. Diese beide schlafen in unseren Gästeräumen in Pandipieri nahe bei Pandigraphics. In der Brandnacht wachten sie durch die Flammen auf, die unter ihren Fenstern wüteten – es war ihre zweite Nacht in Pandipieri.

Hatten wir noch Glück in all dem Unglück? Auf jeden Fall ! Leicht hätte das ganze Pandipieri-Gebäude abbrennen können: drei Besucherzimmer, zwei Räume für die Nähschule, zwei Zimmer für medizinische Beratung und fünf Verwaltungsräume. Ein weiteres Glück war es, dass Michael Maunda, der Leiter von Pandigdraphics, es schaffte, seinen großen Computer zu retten. Fast alle wichtigen Dateien sind auf diesem PC gesichert. Und das größte Glück: es wurde niemand verletzt. Es war ein kleines – vielleicht sogar ein großes – Wunder, dass das ganze Gelände von Helfern aus der Nachbarschaft nahezu wimmelte – alle wollten uns helfen, soviel wie möglich in „ihrem“ Pandipieri Centre zu retten; in solchen Momenten ist es durchaus normal, dass vieles auch gestohlen wird; aber unsere Helfer stahlen nichts – nur einige neue Fußballtrikots verschwanden. Alles in allem beläuft sich der Schaden auf ca. 4,5 Mio. kenianische Schilling – das entspricht ca. Euro 45.000,00.

Es ist nicht nur der finanzielle Verlust, der weh tut. Es war wirklich hart mit anzusehen, wie ein schönes und viel versprechendes Unternehmen in Flammen aufgeht. Wir wollten Pandigraphics vergrößern und in eine Gesellschaft umwandeln. Einen Tag nach dem Brand zog Michael mit seinem Computer auf ein freies Plätzchen im Kindergarten und nahm seine Arbeit wieder auf. Zwischenzeitlich hatten sich viele Freunde bei uns gemeldet und uns Mut gemacht.

Was gibt es sonst noch zu sagen? Vor einigen Jahren konnten wir ein schönes Gebäude für unsere Straßenkinderprogramme bauen – dank der Hilfsbereitschaft von vielen Spendern. Dann forderten uns diese Spender auf, unsere Hilfe nicht nur auf Jungen zu beschränken, sondern auch Mädchen in die Programme aufzunehmen.

Wir versuchten zu erklären, dass es so gut wie keine Mädchen unter den Straßenkindern von Kisumu gibt, aber man glaubte uns das nicht. Wir konnten ahnten, dass sie dachten: „Wenn es bei Euch keine Mädchen gibt, dann seht zu, dass sich das ändert.“

Wir hatten Angst, die Spender zu verärgern und nahmen deshalb einige Mädchen im Gebäude bei unseren Straßenkindern auf. In weniger als nichts entwickelte sich die Situation zu einem Tollhaus: Kämpfe und versuchte Raubüberfälle waren an der Tagesordnung. Wir siedelten die Jungen daraufhin in das Nyalenda Centre um und reservierten das neue Gebäude in Pandipieri für Mädchen. Das Resultat dieser Geschichte ist, dass in dem großen neuen Gebäude in Pandiperi zurzeit gerade einmal sieben Mädchen leben, während das Nyalenda-Centre völlig überfüllt ist. Soweit kann es kommen, wenn das Management sich davor fürchtet, die Unterstützung durch Spender zu verlieren.

Seit kurzem weht ein neuer Wind durch KUAP (Kisumuo Urban Apostolate Programme). In den vergangenen Jahren wurde viel rationalisiert und professioneller gearbeitet, sodass die Verbindung zur Gemeinde und die Bindung an das Evangelium ernsthaft aufgeweicht wurden. Die KUAP-Leitung ist sich dieser Tatsache bewusst und organisierte eine Klausurtagung (1 Woche) in Eldoret, um zu sehen, wie man damit umgehen und das Blatt noch wenden kann. Langsam aber sicher kehrt nun der alte „Geist Pandipieris“ zurück und mit ihm auch das enthusiastische Engagement von Gabriel, dem KUAP-Manager. Es geht uns wieder gut. Wann immer ich in den letzten Monaten Pandipieri besuchte, kehrte ich mit einem tiefen Gefühl der Zufriedenheit zurück: Der Ort gleicht einem großen Bienenstock. Ich glaube, dass das Managment sehr gut arbeitet. Ende Juni hatten wir unser jährliches Treffen; es fand in den schönen Räumen der Haushaltsschule in Nyalenda statt. Mehr als 130 Teilnehmer aus ganz Kisumu waren da – KUAP ist zu einem bedeutenden Bestandteil dieser Stadt herangewachsen.

Soweit es mich betrifft, bin ich jetzt dabei umzuziehen und packe traurig meine Habseligkeiten. Am Sonntag, 13. Juli werde ich nach Nairobi in eine kleine Mietwohnung ziehen. Abschiedsworte klingen in meinen Ohren: große wie die von der gemeinsamen Feier mit der Gemeinde am 6. Juli und der Abschied von KUAP am Freitag, 7. 11. aber auch kleine Abschiedsworte von der Gemeindebasis. Es waren traurige – aber auch ermutigende – Feiern; denn sie zeigten, wie viel wir erreicht haben.

Ich werde auch in Zukunft versuchen, Kisumu einmal im Monat zu besuchen; auch bin ich weiterhin Mitglied im KUAP -Aufsichtsrat und werde permanent per e-mail mit Pandipieri in Kontakt bleiben. Ich bin traurig, denn ich werde Kisumu vermissen; nicht nur Pandipieri- die ganze Gemeinschaft dort wird mir fehlen: die glücklichen Feiern, die jungen, tanzenden Mädchen mit den ernsten Gesichtern und ihre anmutige Art, sich zu bewegen. Ich höre, dass hohe kirchliche Würdenträger aus Rom, die zu Besuch in Kenia sind, skeptisch sind, ob das alles nicht schon zu fröhlich ist, und ob die Menschen hier nicht nur zur Kirche gehen, um die schönen Tänze zu sehen. Mag sein – aber mit dem gleichen Argument könnte man auch Mozarts Musik aus den Kirchen verbannen. Es ist wirklich so: ließe man die Experten aus Rom über die kenianische Liturgie entscheiden, wäre das so, als ob man den Arzt einer Intensivstation damit beauftragt, eine Fußballmannschaft der Bundesliga zu trainieren.

Ich danke Euch für Eure vielfältige Unterstützung, es sind die Samenkörner für eine bessere Zukunft für viele Menschen

Hans

Ostern 2008

Liebe Freunde,

Wenn Ihr meine Ausführungen über die Kultur Ostafrikas im September 2007 sorgfältig gelesen habt, werdet Ihr nun mit einem besseren Verständnis der aktuellen Verhältnisse hier belohnt; Ihr werdet die Gründe für den Umbruch, der Kenia jetzt zerreißt, besser verstehen – obgleich das keinen von Euch glücklicher machen wird.

In einer Kultur der Macht – ich habe Euch das erklärt – wird die List zu einem festen Bestandteil der Weisheit; daraus resultiert, dass gegenseitiges Vertrauen unmöglich wird. Zurzeit sollten wir wirklich von den Dächern schreien: „Das geschieht, wenn Du glaubst, dass es richtig ist, andere zu betrügen – egal, ob das die Wahlen oder einen anderen Bereich des Lebens betrifft!“ Aber niemand spricht offen darüber, wenn er andere durch Betrug überlistet; so viele Menschen halten das in ihrem Innersten für richtig. Was die Verlierer so wütend macht, ist – glaube ich – die Tatsache, dass sie von Ihren Gegnern überlistet wurden.

Bis zu einem gewissen Grad ist die Verfassung, die dem Präsidenten alle Macht gibt, schuld an dieser Katastrophe. Gerade in den letzen Jahren waren Hunderte von Abgeordneten mit der Aufgabe beschäftigt, diese Verfassung zu ändern; aber sie konnten sich nicht einigen. Immer gab es Abgeordnete, die der Meinung waren, dass es ein guter afrikanischer Brauch ist, den Präsidenten mit totaler Macht auszustatten; und dann folgen Wahlen, deren Ergebnis nahezu 50:50 für beide Parteien ausgeht. Selbst ohne Betrug wäre hier die Hölle los gebrochen – weil einfach viel zu viel auf dem Spiel steht.

Das Kisumu-Center wurde gründlich geplündert. In Mombasa hat man einen Weg gefunden, die Plünderer zu zwingen, ihre gestohlene Beute zurück zu geben. Dort beruft man sich auf eine Art islamischen Fluch: Wen auch immer dieser Fluch trifft, der muss gestohlene Dinge sofort zurückgeben, anderenfalls kann er nicht mehr auf die Toilette gehen. Etliche Plünderer spürten den aufziehenden Ärger und gaben schnell alles zurück, solange noch alles in Ordnung war. Haben wir Christen nicht so eine ähnliche Einstellung? Auf jeden Fall gibt es für dieses Verhalten eine gewisse Zustimmung und einen Markt.

Der Mut einiger unser Luo-Gemeindemitglieder berührt mich; sie trauen sich, Kikuyu-Familien trotz der Drohungen der Krawallmacher Schutz zu geben. Ich habe diese Menschen gebeten, sich die Namen dieser Rowdies zu merken, damit wir zur gegebenen Zeit eine Namensliste erstellen können. Viele unserer Gemeindemitglieder haben einen sehr guten Charakter, aber ihre Angst vor Drohungen ist sehr groß.

Hinsichtlich der Schüsse auf Menschen erklärte der Chef der Polizei in Kisumu kürzlich in einem Interview, dass die Verfassung den Polizisten das Recht gibt, auf jeden zu schießen, der sich der Festnahme widersetzt. Klar – jeder rennt weg, wenn er die Polizei sieht; nach den Aussagen des Polizeichefs kann die Polizei somit auch auf jeden schießen. Wohl gemerkt – ich glaube nicht, dass sie das tut. Auch die Polizisten leben in Angst und reagieren verzweifelt.

Im Radio hörte ich ein Interview mit einem 18-jährigen Jungen, der an der Brandstiftung der Kirche in Eldoret beteiligt war, in der so viele Menschen umgekommen sind.
Journalist: „Wie fühlst Du Dich jetzt, nachdem Du daran beteiligt warst, so viele Menschen zu verbrennen?“
Junge: „Ich fühle mich schlecht und sehr schuldig: Ich habe meine Freunde getötet.“
Journalist: „Wenn die Kikuyus zurück kommen würden – würdest Du mit ihnen wieder in Frieden leben wollen?“
Junge: „Sicher, ich hätte keine Probleme mit ihnen. Aber die Kikuyus müssen nachgeben und zurücktreten.“
Journalist: „Wenn Kibaki das nicht tut – würdest Du wieder Kikuyus töten?“
Junge: „Ja, dann müssten sie getötet werden.“

Die Gewalt hat mehrere Phasen durchlaufen. Zuerst war es ein spontaner Ausbruch grimmiger Wut, als man bemerkte, dass die Wahlen manipuliert worden waren. Sehr schnell veränderte sich diese Wut in Rassenhass gegenüber Nachbarn und tätlichen Angriffen. Danach kam die Kriminalität. Alte Wunden und Trennungsgräben brachen wieder auf, leere Häuser wurden geplündert. Banden zogen von Haus zu Haus, um Kikuyus aufzuscheuchen und zu ermorden. Die Regierung verlor die Kontrolle. Kürzlich trat das Geschehen in eine neue Phase. Letzte Nacht fingen Leute von Nyalenda einen Mann, von dem sie wussten, dass er ein marodierender Gangster ist. Sie schnitten ihm die Hände und Füße ab und überließen ihn dann einfach dem Tod; als er am nächsten Morgen noch immer am Leben zu sein schien, verbrannten sie ihn in einem Haufen von Autoreifen. Solche Dinge passieren auch an anderen Orten: Menschen aus dem Slum – provoziert bis über das Maß dessen, was man aushalten kann – lynchen ihre Peiniger. Ich habe Eltern darüber klagen hören, dass sie die Kontrolle über ihre Kinder verloren haben.

Den größten Schaden aber haben Geist und Seele der Kenianer genommen. Es ist schecklich, was sie einander antun. Mein Kisii-Freund Charles (der Automechaniker, der mit uns die Wallfahrten gemacht hat) erzählte mir, dass er es gerade noch geschafft hat, mit seiner Frau und den sieben Kindern zu entkommen, als man sein Haus in der Nähe des Magadi-Centers plünderte und in Brand setzte; die Frauen in der Nachbarschaft nahmen die Kleider seiner Frau an sich und probierten, ob sie passten. Die Luos sprechen heute über die Kikuyus, wie sie früher über die verfolgten Juden sprachen: „Das ist keine schöne Geschichte, aber die haben es verdient.“ Kisumu ist jetzt „Kikuyu-frei“ und keiner scheint das zu bedauern.

Nachfolgend einige beschämende Aussagen aus einem Interview des Journalisten Koert Lindijer (Holländische Zeitung NRC) mit einem gewissen Paul Otieno. „Sobald wir nur eine eine fragwürdige Bemerkung über Kibaki hören, fangen wir an zu plündern. Unser nächstes Ziel ist das letzte Hotel in Kisumu, das Eigentum der Kikuyus ist. Wir sind fast ein bisschen süchtig danach, „umsonst einzukaufen“. Es ist nicht schön, was hier in Kisumu passiert, aber es eröffnet auch neue Möglichkeiten. Wir sollten nicht bedauern, dass die Kikuyus jetzt weg sind; sie haben sich hier selbst bereichert. Soweit es die Regierung betrifft, gab es eine gewisse Diskriminierung der Luos. Jetzt können wir – die Luos – ihre Plätze einnehmen.“ Soweit Koert Lindijer schreibt, will Otieno ein neues Kenia gründen; ein Kenia, in dem ethnische Gruppen nahe beieinander leben – nicht miteinander, wie es nach der Unabhängigkeit Kenias mehr und mehr der Fall war. „Wir müssen wieder ganz zurück dahin gehen, wo wir angefangen haben.“ Meiner Meinung nach propagiert Paul Otieno ganz einfach die Rassentrennung. Und er ist nicht „irgend jemand“: er ist der Finanzexperte und ein wichtiges Vorstandsmitglied von KUAP.

Lasst uns nun von etwas Fröhlicherem sprechen. Die Bedeutung guter persönlicher Beziehungen wurde durch einen Besuch von 24 unserer Jugendlichen in Holland im Dezember auf ganz besondere Weise in den Vordergrund gerückt. Es war ein erinnerungswürdiges Abenteuer: Kenianer im Schnee, Kenianer auf dem Eis, Kenianer, die sehen, wie sehr sich die Menschen in Holland gegenseitig Vertrauen schenken. Fides hat ihre Erfahrungen aufgeschrieben. Aber sie hatten auch Bedenken, dass sie heil wieder zuhause ankommen. Was für eine Erlösung für mich, als ich sie alle aus dem Bus steigen sah – alle lachten ! Aber das war noch nicht das Ende der Geschichte. Um ihr Visum zu bekommen, mussten sie der holländischen Botschaft in Nairobi versprechen, dass sie sich nach ihrer Rückkehr sofort wieder in der Botschaft zurück melden. Wir hatten geplant, dass ihr Bus auf der Heimfahrt nach Kisumu zu diesem Zweck bei der Botschaft in Nairobi hält. Aber als sie nach Nairobi kamen, herrschte dort das pure Chaos. Glücklicherweise konnte sich der Bus einem Konvoi anschließen und so kamen sie – begleitet von einer Polizeieskorte – doch noch nach Kisumu. Aber es stand natürlich nicht zur Debatte, dass der Konvoi bei der holländischen Botschaft in Nairobi Halt machen würde. Die Gruppe versuchte, die Botschaft frühmorgens telefonisch zu informieren, aber sie erreichen niemanden dort. Als sie dann in Kisumu waren, sammelten wir ihre Pässe ein und mussten sie von einem Boten nach Nairobi bringen lassen, um sie dort der Botschaft zusammen mit einem unterzeichneten Dokument vorlegen zu lassen, in dem bestätigt wurde, dass alle Jugendlichen wieder nach Kenia zurückgekehrt waren. Aber als der Bote von Mill Hill der Botschaft in Nairobi die Pässe vorlegte, wurde er hinaus gejagt mit den Worten, dass man sich an die Regeln halten müsse: Jeder müsse persönlich vor der Botschaft zu erscheinen und sich zurück melden. Frank und Anne Boomers waren an diesem besagten Tag auch in Nairobi; ihr Konvoi wurde aus dem Hinterhalt angegriffen; Verbrecher hatten bereits Reifen unter den voll besetzten Bus gelegt und sie angezündet; sie entkamen fast alle – es gab „nur“ ein Todesopfer, als der Fahrer mit Vollgas davon fuhr. Es war Krieg – aber einige Leute in der Botschaft schienen auf einem anderen Planeten zu leben. Pater Gerry schrieb darauf hin einen scharfen Brief und zehn Tage später war die Angelegenheit erledigt – auch durch die Vermittlung einiger Botschaftsangehöriger mit gesundem Menschenverstand.

Soweit es meine persönliche Zukunft betrifft, hat der Erzbischof zu Weihnachten meine Bitte akzeptiert, in das Ausbildungszentrum nach Nairobi zu gehen. Am 1. Januar hatte ich mit meinem direkten Vorgesetzten eine diesbezügliche Besprechung. Jetzt liegt es an mir, einen Zeitplan zu erarbeiten. Es ist hart zu gehen, solange die Zustände in unserer Gemeinde so von Tumulten geprägt sind. Deshalb werde ich das alles noch bis Anfang Juli verschieben – und selbst dann wird es mir schwer fallen, von hier weg zu gehen.

Noch einige Neuigkeiten über unser AIDS – Orphans Projekt (OMA-project) (orphan = Waise / Anm. d. Übers.) Wir versuchen, es trotz des herrschenden Chaos weiter voran zu treiben. Die Gemeinde hat nun eine Krankenhausversicherung für 85 Familien eingerichtet, bei denen die Großmutter als Familienoberhaupt gilt; dies betrifft insgesamt 420 AIDS-Waisen. Zurzeit organisieren wir kostenfreie poly-klinische Behandlungen und die entsprechende Verwaltung (Herausgeber: nur 20 Euro/OMA-Familie und Jahr; Beiträge können auf Oosterbeek-Konto Stichwort „Burgman, OMA-project“ überwiesen werden).

Es gibt einen interessanten Nebeneffekt. Aufgrund der Unruhen steigen die Lebensmittelpreise in Schwindel erregende Höhen. Das betrifft die Armen, ganz besonders die Witwen. Dank des OMA- Projektes gibt es plötzlich eine aussagekräftige Liste mit den Namen dieser bedürftigen Witwen. Das ermöglicht es uns, im Notfall anhand dieser Liste gezielt Unterstützung zu leisten.

Danke für Euer Interesse und Eure Anteilnahme. Ich wünsche Euch allen ein gesegnetes Osterfest.

Viele Grüße

Hans Burgman

Januar 2008

Liebe Freunde,

Danke für all Eure Briefe und Eure Anteilnahme; lasst mich Euch einen Überblick über die aktuelle Situation hier geben:

Beginnend mit mir selbst: Mir geht es gut; uns allen hier auf dem Gelände um die Kirche herum geht es gut. Es ist, als lebten wir auf einer Oase des Friedens mitten in einem barbarischen Dschungel. Während ich Euch hier diesen Brief schreibe, rattern draußen auf der Straße die Lastwagen mit Soldaten vorbei – so nah, dass mir das Knallen der Tränengasgranaten in den Ohren dröhnt. Millymolly hat mich gerade angerufen und mir mitgeteilt, dass die Straße nach Pandipieri vor ihrem Haus schon wieder durch brennende Autoreifen und lärmende Hooligans blockiert ist. Autos können keine mehr passieren; nur Fußgängern ist der Durchgang erlaubt, vorausgesetzt, dass sie keine Taschen oder Gegenstände bei sich tragen. Ich vermute noch – vorausgesetzt, dass es nicht um Kikuyus handelt.

Letzte Nacht wurde ein Kikuyu in unserer Nachbarschaft ermordet. Gestern morgen stand ich auf der kleinen Terrasse bei unserer Küche und sah schwarzen Rauch von brennenden Barrikaden aufsteigen. Links und rechts von mir und geradeaus hörte man das Dröhnen der Tränengasgranaten und die scharfen Schüsse aus Gewehren. Draußen auf der Straße sprach ich dann mit Müttern, die in großer Eile waren, um Ihre Kinder aus der Schule abzuholen. Später hörte ich dann, dass zwei Menschen getötet worden waren: einer von ihnen war der Wachmann der Lion’s High School. Eine Bande hatte das Gelände der Schule besetzt, um die Schüler aus der Schule zu jagen und – vermutlich, um die Schule in Brand zu setzen. Als dann die Polizei eintraf, erschossen Sie den Wachmann Warum ? Machen wir alle nur noch Fehler ?

Die Menschen hier haben vor vielen Dingen große Angst – und sie haben allen Grund dazu; sie sind wie eine Herde von Schafen, die von einigen Hyänen angegriffen werden. Aber diese Angst vergrößert die Gefahr noch. Immer wieder erlebe ich, wie sich selbst gegenseitig Gerüchte erzählen und damit noch mehr in Angst versetzen.

Es gibt Gegenden in diesem Land, wo die Zustände furchtbar sind – jeden Tag werden hier Dutzende von Menschen ermordet. Gestern rief mich Tabu an; sie lebte als kleines Mädchen in Pandipieri. Tabu lebt jetzt in Molo und ist auf einen Rollstuhl angewiesen. Dort in Molo hat Tabu mit unserer Hilfe und mit dem Geld von der Versicherung nach ihrem Autounfall fünf Häuser für Straßenkinder errichtet. Als sie mich anrief, saß sie mit ihren Kindern inmitten einer wütenden Bande von Kikuyo Hooligans, die drohten, ihr Haus in Brand zu setzen. Weit und breit war keine Polizei zu sehen, die Straße war unpassierbar und keiner, den sie telefonisch um Hilfe rufen wollte, war zu erreichen.
Dann erwischte sie mich und sagte ganz leise: „Hallo, alter Junge, die Dinge laufen hier gerade gar nicht gut.“ Was sollte ich tun ? Sie war mehr als 200 km weg von mir, die Straßen blockiert und keiner war zu erreichen. Bis jetzt weiß ich nicht, ob sie noch am Leben ist.

Veronica Nieri, die Mutter von Tabitha (das ist das Mädchen, das seinen Bruder vor vielen Jahren unabsichtlich getötet hat), ist eine Kikuyu und dadurch auch in Gefahr. Sofort nach Ausbruch der Unruhen nach der Wahl hat man ihr Restaurant niedergebrannt und sie suchte Schutz bei uns. Ihr Mann Paul ist seit seinem Schlaganfall schwer behindert und geht nicht mehr aus dem Haus. Aber nach einigen Tagen kam auch er zu uns. Durch seine Krankheit konnte er aber nicht auf dem Boden des Gemeindehauses schlafen und unser „Guter Samariter“ Luo lud ihn zum Schlafen in sein Haus ein. Ich musste ihn jeden Tag nach dem Einbrechen der Dunkelheit heimlich zu Luos Haus bringen. Vor zwei Wochen gelang den beiden die Flucht in die Umgebung von Molo, wo ihnen ein kleines Grundstück gehört. Aber seitdem ist gerade dort auch die Hölle los; es sieht so aus, als wären die beiden vom Regen in die Traufe gekommen. Auch von ihnen habe ich danach nichts mehr gehört und ich weiß nicht, ob sie noch am Leben sind.

Im Moment gehen Banden von Haus zu Haus, um versteckte Kikuyus aufzustöbern und sie zu töten. Autos und Busse werden auf den Straßen angehalten und den Fahrern und Mitfahrern droht das gleiche Schicksal.

Es ist keine Lösung in Sicht. Die politischen Führer leben in teuren Hotels in Nairobi und suchen nach einem Sündenbock für die derzeitige Situation. So zumindest sieht es für uns aus. Das Leben in Kisumu Stadt ist wie gelähmt. Die Schulen sind geschlossen, die Geschäfte öffnen nur sporadisch. Ich kann nicht viel tun. Ich schlafe viel, denn ich bin sehr müde.

Meine Pläne bezüglich meines Umzugs nach Nairobi liegen auf Eis. Ursprünglich wollte ich am Sonntag nach Ostern nach Nairobi umziehen. Aber in dieser kritischen Situation kann ich meine Gemeinde nicht alleine lassen – also habe ich meine Pläne erst einmal auf Juli verschoben.

Viele Grüße

Hans Burgman