Weihnachten 2007

Liebe Freunde,

Oosterbeek sollte während meines Heimaturlaubs im letzten Sommer eigentlich mein Zuhause sein; aber aufgrund der Bautätigkeit war kein Zimmer für mich frei. So kam es, dass Zelhem in der Nähe von Doetinchem für diesen Sommer meine Heimat wurde. Ich hätte nicht mehr Glück haben können. Ellie Eijkholt überließ mir den zweiten Stock ihres Hauses, kochte für uns zwei, wusch meine Wäsche und bestand darauf, dass ich ihr Haus als meines ansehen sollte. Ich konnte kommen und gehen, wann immer ich wollte. Das war fast noch besser, als verheiratet zu sein – das waren die Freunde Pandiperies in Aktion in dem kleinen bäuerlichen Dorf, wo ich keinerlei Probleme mit der Sprache hatte, wo jeder jeden kennt und man einander grüßt – dort habe ich mich wirklich zuhause gefühlt. Unzählige Fußpfade führen durch eine malerische Landschaft; Ellie und ich machten viele lange Spaziergänge: Natürlich Nordic Walking. Ellie verlor keine Zeit mich darauf hinzuweisen, dass ich – soweit das Nordic Walking betrifft – ein Stümper bin. Dank der Hilfe von freundlichen Experten verbesserte ich meine Technik und meinen Laufstil auf ein gutes Niveau.

Ich nahm die Gelegenheit wahr und besuchte so viele Freunde wie möglich – leider konnte ich trotzdem nicht so viele besuchen, wie ich eigentlich vorhatte. Alte Freunde zu treffen, ist sicher eine der größten Freuden des Lebens. Mit großen Interesse hörte ich sie von ihren religiösen Abenteuern erzählen; und es brachte mir neue Einsichten: Ein alter Freund (waren es wirklich 40 Jahre her, seit wir uns zum letzten Mal gesehen hatten ?) erzählte mir in einem Roosendaal-Café um halb zehn Uhr morgens, dass Religion nun wirklich kein notwendiger Aktivposten des Lebens sei, und dass man genau so gut ohne Religion leben könne. Das fand ich irgendwie faszinierend; aber trotzdem glaube ich nicht, dass der in Holland weit verbreitete „religiöse Analphabetismus“ gut ist. Alle Konflikte der heutigen Zeit haben ihre Wurzeln in der Religion; und die, die nichts über Religion wissen, disqualifizieren sich selbst – sie können nichts zur Lösung dieser Konflikte beitragen. Ich muss gestehen, dass es mich tief schockiert hat zu sehen, dass fast alle Gleichnisse und das Evangelium, das uns Jesus hinterlassen hat, den meisten Jugendlichen nahezu unbekannt ist.

Ich erinnere mich an einen jungen Holländer von 25 Jahren, der vor einiger Zeit Pandipieri besuchte; ich fragte ihn: „Würde es Dir keine Sorgen machen, wenn Deine künftigen Kinder gar nichts über den Guten Samariter wissen?“ „Nein, es gibt nichts, was mich weniger interessieren würde“, antwortet er. Es scheint, als ob nun die Zeit gekommen ist, in denen es den Eltern völlig egal ist, ob ihre Kinder jemals etwas über den armen Lazarus und den reichen Mann, den Pharisäer und den Steuereintreiber im Tempel erfahren. Oder über den Mann, der einen verborgenen Schatz im Feld fand, die Arbeiter der elften Sunde oder die fünf dummen Brautjungfern.

Viele unserer Besucher kennen Nancy, die Frau, die für unseren Workshop „Liturgische Stickerei“ verantwortlich ist. Vor vielen Jahren war sie Schülerin unserer Haushaltungsschule in Pandipieri. Als ich diesen Workshop ins Leben rief, empfahl mir die damalige Leiterin Nancy als seine ihrer besten Näherinnen. Im Jahre 2003 nahm Nancy an der abenteuerlichen Wallfahrt von Kampala nach Kisumu teil und es entwickelte sich eine feste Freundschaft zwischen ihr und den Freunden Pandipieris. Danach probierte sie unerschrocken, sich im Gastronomiebereich selbständig zu machen. Im vergangenen September mussten wir erfahren, dass Nancy bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. Sie hatte ein großes Begräbnis und wir werden ihr in unseren Herzen ein liebevolles und dankbares Andenken bewahren

Kürzlich ist etwas passiert, was Anlass zum Nachdenken gibt. Im Dezember waren 20 Jugendliche von hier nach Holland – eine Art Schüleraustausch; die Kommission, die diesen Austausch vorbereitet, musste ein Mädchen aus ihrer Mitte auswählen, die die Gruppe nach Holland begleiten wird. Hierfür gab es zwei Kandidatinnen. Schier endlose Diskussionen führten dazu, dass man beide Kandidatinnen für gleichermaßen geeignet hielt. Um dieses Patt zu brechen, beschloss man, den Kreis der Kandidaten zu erweitern. Die Kandidatin A erhielt bei der Abstimmung die meisten Stimmen – damit sollte eigentlich alles klar sein. Aber – wer hätte das gedacht? Am Tag, als das Ergebnis der Abstimmung bekannt gemacht werden sollte, entschied die Kommission, den Beschluss zu ignorieren und die Kandidatin B nach Holland zu schicken.

Das führte natürlich zu großem Ärger. Es folgten anonyme Briefe und Korruptionsvorwürfe. Für mich ist das jedoch ein typisches Beispiel dafür, was hier täglich passiert. Ich weiß, dass die Mitglieder dieser Kommission nicht korrupt sind. Wieso also ein solcher Denkfehler? Warum glaubten sie, ein eindeutiges Wahlergebnis derartig manipulieren zu können? Ich bin mir sicher, dass es an ihrer Angst lag, kritisiert zu werden: Ihr Verfahren, unter so vielen Personen eine Auswahl zu treffen, um eine Pattsituation abzuwenden, ist für Menschen mit Entscheidungsbefugnis nicht der richtige Weg, zu einer Entscheidung zu gelangen. Eine solche Entscheidung muss diskutiert werden, ein Streit muss ausgetragen werden. Deshalb können Sitzungen hier auch stundenlang dauern. Aus dem gleichen Grund werden einmal getroffene Entscheidungen so selten in die Realität umgesetzt und Abstimmungsergebnisse manipuliert. Die ganze Gruppe ist erbost und die alte Freundschaften vergessen. Die Kommission glaubt, dass solche Vorgänge nicht bekannt werden, wenn man solche Dinge in geheimen Abstimmungen entscheidet. Macht duldet keine neugierigen Mitwisser.

Soweit es meine persönliche Zukunft betrifft, ist jetzt die Zeit für eine ernsthafte Unterhaltung mit unserem Erzbischof gekommen. Ich sollte ihm wohl einen Zeitplan vorlegen. Ich denken, ich sollte versuchen, nach Nairobi zu gehen -irgendwann zwischen Neujahr und Ostern. Ich habe keine Ahnung, wie er darauf reagieren wird. Freunde fragen mich immer wieder, wer dann hier ihre Interessen bei KUAP vertreten wird. Ich will Euch heute ganz klar sagen, dass es mein Plan ist, diese Aufgabe auch weiterhin zu wahrzunehmen. Auch jetzt schon kommuniziere ich in nahezu allen Angelegenheiten per E-mail mit KUAP. Es macht keinen Unterschied, ob ich das von Kisumu oder von Nairobi aus tue. In der Zwischenzeit haben die neuen Leute an der Spitze von KUAP wirklich hart gearbeitet. Wir sollten ihnen unser Vertrauen schenken.

Aus dem heißen Kisumu wünsche ich Euch allen eine kühle Weihnacht und Neues Jahr voller Liebe. Ich hoffe und wünsche, dass man den Kindern dieser Welt die alte Geschichte vom Jesuskind in Bethlehem weiter erzählt.
Hans