Ostern 2005

Liebe Freunde,

aus der Bibel wissen wir, dass die alten Juden ein ausgeklügeltes System hatten, wie sie sich ihrer Missetaten entledigen konnten: die Sündenbock-Zeremonie. Hier bei uns ist dies auch üblich: Die Menschen machen andere Personen für die eigenen Vergehen verantwortlich. Diese Person wird damit zum Schuldigen und man selbst ist seine eigene Schuld los. Es gibt sogar eine alte Luo-Version dieses Sündenbock-Prinzips: Wenn früher jemand ernsthaft erkrankt war, behauptet man, diese Krankheit sei durch die Gegenwart eines bösen Geistes hervorgerufen worden. Der Kranke konnte dann ein Schaf nehmen, ihm teilweise  die Haut abziehen, den bösen Geist in dieses Schaf „senden“ und das Schaf weg bringen. An der Stelle, wo das arme Schaf dann starb, suchte sich – der Überlieferung nach – der böse Geist ein neues Heim in einem der Menschen, die gerade in Nähe waren.

Heute wird dieser grausame Brauch nicht mehr praktiziert – aber es gibt sozusagen einen „Nachfolger“ dieser Tradition. Sagen wir – jemand hat Schmerzen in seinem Bein; er kann eine Münze nehmen, mit ihr über die schmerzende Stelle streichen und die Schmerzen gehen in die Münze über – dann legt er die Münze auf einen Weg. Derjenige, der diese Münze aufhebt, nimmt mit dieser Münze auch den Schmerz auf sich. Wäre das nicht eine attraktive Alternative zu den herkömmlichen Heilmethoden? Auf jeden Fall ist es einen Versuch wert!

Heilung durch Gebete ist  weit verbreitet. Aber es gibt auch Gebete, die das Geld vervielfachen. Auf dem Markt oder an der Bushaltestelle zum Beispiel treffen Sie auf jemanden, der Ihnen versichert, dass er Ihr Geld verdoppeln kann. Wenn Sie ihm – sagen wir 10.000 Schilling – geben, rollt er diese in ein Stück Papier ein und betet ein bedeutungsvolles und magisches Gebet; dann gibt er Ihnen das Päckchen mit der glücklichen Nachricht zurück, dass die 10.000 Schillinge nun in 20.000 Schillinge verwandelt wurden. Was er Ihnen noch mit auf den Weg gibt, ist die ernsthafte Warnung, dass Sie dieses Päckchen erst dann öffnen dürfen, wenn Sie zuhause sind – wenn Sie es früher öffnen, wirkt das Gebet nicht. Aber oh weh! Wenn der arme Besitzer der 10.000 Schillinge dann zuhause angekommen ist und das Papierröllchen öffnet, findet er leider nur Papierschnipsel in dem Päckchen. Man ist erstaunt, dass immer wieder Menschen auf diesen Trick hereinfallen  – aber ständig liest man in den Zeitungen, dass wieder jemand auf diese Weise sein Geld verloren hat.
Vor einigen Wochen erfuhr ich, dass einer meiner Priesterkollegen für einige Jahre von seinem Dienst suspendiert wurde. Ich fragte mich, was er Schlechtes getan haben könnte. Er hatte 300.000 Schilling Spendengelder an sich genommen und hatte genau das getan, was ich oben beschrieben habe – er wollte diese Spendengelder verdoppeln und hatte alles verloren. So war es also auch ihm passiert – was kann man mit einem solchen Mann tun? Zudem er auch noch so jung ist?

Was mich betrifft – so bin ich am 31. Dezember 2004 hierher zurück gekommen; ich brauchte einen ganzen Monat, um meine Rückstände aufzuarbeiten. Diese Zeit benötigte ich aber auch, um all die schönen Erinnerungen der letzten Monate zu verdauen – Erinnerungen an eine Zeit, in denen ich so viele von Euch treffen konnte. Wie ich höre, hat Euch der Winter noch im Griff; vielleicht freut es Euch zu hören, dass die Temperaturen an einem schattigen Nachmittag hier im Moment bei + 35 °C und darüber liegen.

Um uns kümmert sich hier ein Koch, der – obwohl er weder schreiben noch lesen kann – ein wahrhaft exzellenter Küchenmeister ist; man kann ihn gar nicht genug loben! Wir sind hier zu zweit – Gerry Mooij und ich – aber John, unser Koch, weiß niemals genau, wie viel er vorbereiten muß. Um immer gut vorbereitet zu sein, kocht er immense Mengen – immer viel zuviel! Sein Arm ist gelähmt – deshalb lässt er oftmals Dinge fallen; aber weil er ja immer so viel zuviel kocht, bleibt für uns immer noch jede Menge zu essen übrig. Wie Ihr seht, meint es das Glück auch in diesem Fall gut mit uns –  auf eine etwas außergewöhnliche aber wunderbare Weise.
Liebe Freunde, ich wünsche alles Liebe und Gute; hoffentlich begleiten Euch Glück und Vorsehung auch auf so wunderbare Weise wie mich.                                   

Hans Burgmann