Winter 2016

Ein paar Zeilen von Hans

 

Tag für Tag schreiben die Zeitungen Berichte über die riesigen Mengen an öffentlichen Geldern, die in den Taschen „wichtiger“ Leute verschwinden. Wir sprechen von Milliarden kenianischer Schillinge – es wird immer schlimmer und niemand weiß, was man dagegen tun kann. Schlimmer noch – jeder scheint ein Stück vom Kuchen haben zu wollen. Ich denke, dass die Ursachen hierfür tief verborgen in den kulturellen Traditionen verwurzelt sind. Das alles erinnert mich an die vielen Erdbeben in Italien, die immer und immer wieder geschehen, weil tief in der Erde die tektonischen Platten aufeinander prallen und die Beben auslösen. Vielleicht gibt es auch starre Reste alter Kulturen tief in unseren kontinentalen Gesellschaften, die beim Aufeinandertreffen mit der heutigen Kultur solche chaotischen Verhältnisse hervorrufen. Lasst uns ein wenig darüber nachdenken !

Vor Jahrhunderten herrschte überall auf der Welt und in allen Kulturen die Gewalt; Gewalt, wie wir sie von der Natur her kennen, wo die Stärkeren über die Schwachen herrschen. Schwache Menschen konnten in dieser Welt nur mit List und Betrug überleben. War Betrug vielleicht die älteste Form der Weisheit ? Schwache konnten ihre Macht nur dadurch verstärken, wenn sie sich mit anderen zusammen taten. Eine ganz typische Form dieser Zusammenarbeit war die Gesetzgebung und die Umsetzung der Gesetze. Manche Menschen trauern diesen alten „Gesetzen des Dschungels“ – dem Recht des Stärkeren – noch immer nach. Es verschafft ihnen eine gewisse Befriedigung Gesetze zu brechen, der
Strafe aber zu entgehen. Hier in Kenia besteht der Umgang mit Krisen im Wesentlichen darin, neue Gesetze auf dem Papier zu schaffen – und sie dann zu ignorieren !

Eine spätere Kultur war die der Jäger und Sammler: Pflanzen und Tiere, die nicht bewacht waren gehörten früher dem, der sie gefunden hatte. Suchen und Fangen bedeutete Spaß und Glück. Noch heute gibt es Reste dieser Kultur. Denkt nur an die heutigen Jäger und Fischer. Von Zeit zu Zeit wird auch hier unangemessenes Verhalten an den Tag gelegt. Es fasziniert mich immer wieder zu sehen, in welchen Rausch die Menschen verfallen, wenn es etwas kostenlos gibt – selbst dann, wenn es an sich wertlos ist. Aber was passiert eigentlich, wenn z.B. ein Tankschiff havariert ?

 

Keine Macht der Erde kann die Öffentlichkeit davon abhalten, das ausgelaufene Öl in Eimern und Töpfen zu sammeln – selbst wenn es am Ende explodiert und hunderte Menschen umbringt. Wir alle wissen, dass es in Kenia gängige Praxis ist, bewusstlose Verkehrsopfer auszurauben. Mehr noch: bei einem Aufruhr oder dem Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung beginnen die Menschen hier unweigerlich, die Geschäfte zu plündern. Sie können der Versuchung nicht widerstehen, Dinge zu nehmen, die sie eigentlich gar nicht brauchen. Früher war ich 20 Jahre lange Gefängniskaplan und es erstaunte mich immer wieder, wie wenig die Menschen darüber nachdachten, dass sie z.B. wegen einer lumpigen Summe vielleicht ihren Job verlieren können. Aber – wenn Geld unbewacht ist, scheint es, als ob sich viele Menschen dazu verpflichtet fühlen, dieses Geld einfach an sich zu nehmen.

Wenn sich hierbei also um eine kulturelle Neigungen handelt, ist es sicher schwierig, diese zu beseitigen. Manche denken, dass alles sei auf die Armut zurückzuführen; aber das ist naiv ! Geld wird nicht helfen, sondern die Situation eher verschlimmern. Es ist ein Schritt in die richtige Richtung, Finanztransaktionen transparenter zu machen, indem man solche Transaktionen schriftlich festhält Aber das ist ein harter Weg voller Hindernisse. Denn die Menschen hier leben in einer Kultur, in der alles besprochen wird, man von Papier aber eher wenig hält. Außerdem kann man auch auf dem Papier betrügen.

 

Meiner Meinung nach kann nur eine Veränderung des Verhaltens helfen. Das Herz dieser Veränderungaber ist die Freundschaft, denn Freundschaft und Betrug passen nicht zueinander. Die Freude an einer Freundschaft ist um so vieles größer als die Befriedigung, die man durch List und Unehrlichkeit erfahren kann. Hilfe sollte im Rahmen einer persönlichen Freundschaft erfolgen; einer Freundschaft zwischen Menschen, die miteinander teilen, weil sie füreinander sorgen.

Das alles hat auch damit zu tun, wie wir unser Besucherprogramm in letzter Zeit organisiert haben. Wichtigster Aspekt ist die Tatsache, dass unsere Besucher während ihres Aufenthaltes hier in normalen Familien in Kisumu leben. Dieser Zugang zur Intimität in einfachen afrikanischen Häusern hinterlässt einen tiefen Eindruck bei unseren Gästen und bei den Gastfamilien. Es wird jetzt auch klar, dass KUAP / Pandipieri die einzige Organisation ist, die so etwas anbietet. Aus diesem Grund haben wir uns entschlossen, dieses Abenteuer auch in 2017 wieder zu wagen – wir erwarten eine Gruppe von ca. 20 Besuchern – sagen wir: fünf von unseren Freunden aus Kerzell, fünf aus Bergeijk und zehn aus Holland.
Termin ist Ende Juni / Anfang Juli – ca. zwei Wochen insgesamt.

Agenda: Besuch der Pandipieri-Projekte (3 Tage)
Besuch in den bäuerlichen Häusern der Gastgeber
Bootsfahrt auf dem See, um die Hippos zu sehen
Sponsorenlauf zu den Hügeln (OMA-Projekt)

 

Wenn Ihr mehr wissen wollt oder teilnehmen wollt, schickt eine Nachricht an Marie-José Burgman oder an mich.

Noch ein Wort zur zerstörerischen Gewalt der Korruption. Sicher wird unser Besuchsprogramm keine wundersame Heilung bewirken; aber es ist ein kleiner Schritt in die richtige Richtung. Und es ist ein Zeichen für normale Menschen, dass freundliche Begegnungen eine Hoffnung auf eine bessere Gesellschaft sind.
Hans Burgman