Weihnachten 2008

Liebe Freunde,
während meines Aufenthaltes in Europa im letzten Sommer habe ich viele alte Freunde gesehen – und viele Ärzte. Am meisten Zeit beanspruchte die Behandlung des Hautkrebses in meinem Gesicht – aber sie alle haben einen guten Job gemacht. An meiner Nase hat man erkranktes Gewebe entfernt und durch neues ersetzt, das man mir zuvor aus dem Nacken entnommen hatte. Die Wunden sind gut verheilt, aber das transplantierte Gewebe ist gefühllos geblieben: wenn ich die Stelle berühre, spüre ich soviel, als ob ich die Nase eines anderen anfassen würde – nämlich gar nichts. Dafür wachsen an dort jetzt Haare, sodass ich diese Seite meiner Nase nun rasieren muss.
Viele von Euch haben dazu beigetragen, dass Millymolly aus Kisumu zu Besuch nach Holland kommen konnte. Ihr Besuch wurde ein wunderbarer Erfolg, denn sie war eine exzellente Botschafterin Kenias – eine Botschafterin für das neue Kenia: sie vermittelte nicht das übliche Bild des Not leidenden Menschen, der um Hilfe bittet, sondern Millymolly ist eine attraktive Persönlichkeit, mit der man gerne zusammen arbeitet.
Sie wohnte bei meinem Bruder Eugene und seiner Frau Lidy in Waalre, einem Dorf nahe bei Eindhofen und machte von dort aus lange Besuche bei anderen Freunden. Millymolly absolvierte nebenbei Praktika in einigen Krankenhäusern und nahm an einer Wallfahrt zu unserer Lieben Frau von Lourdes/Frankreich teil. Überall hörte man ihr Lachen; sie lachte über die holländische Schale mit „Kroketjes“, die sie Kakerlaken nannte. Es gab aber auch Tränen, weil sie Heimweh hatte und bei einer anderen Gelegenheit: Freunde aus Bergeijk hatten eine ärztliche Untersuchung arrangiert, um zu sehen, ob man ihrem verkrüppelten Bein (Kinderlähmung) helfen kann. An diesem großen Tag warteten einige ihrer Freunde aufgeregt mit ihr auf die Diagnose des Arztes. Nach sorgfältiger Untersuchung durch drei Experten teilte man feierlich mit, dass – leider – keine Operation möglich ist. Tränen liefen Millymolly und den anwesenden Frauen über das Gesicht: die Männer nahmen sie in die Arme, um sie zu trösten.
Später fragte ich Milliymolly, warum sie geweint hat. „Weil ich so glücklich war, dass mein Bein nicht operiert wird“, antwortete sie. Ich hatte Angst davor, mit Nägeln in meinem Knie weit weg von zuhause zu liegen -nein, das wollte ich wirklich nicht.“ Ich denke, das ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie schwierig es für Europäer ist, die Reaktionen ihrer afrikanischen Freunde einzuschätzen.

Einige von Euch haben mich sicher schon von dem Dilemma in den kenianischen Krankenhäusern erzählen hören: sie sind viel zu teuer für gewöhnliche Menschen. Dies kann zu der bizarren Situation führen, die Frank Boomers vor einigen Jahren im Misikhu Mission Hospital im Westen Kenias erlebt hat.
Von den verfügbaren 150 Betten waren 75 Betten von Personen belegt, die gar nicht krank waren. Es waren Patienten, die man dort behandelt hatte, die aber ihre Rechnung nicht bezahlen konnten; also durften sie das Krankenhaus nicht verlassen. Es war eine hoffnungslose Situation und keineswegs eine Ausnahme.
Kürzlich hatte ich eine Idee, wie man dieses Problem vielleicht lösen könnte. Mit unserem neuen OMA-Projekt finanzieren wir eine Krankenhausversicherung für all die Familien, die AIDS-Waisen adoptiert haben. Diese Versicherung ist billig: sie kostet nur ca. 20,00 Euro / Jahr. Es ist deshalb so billig, weil die Regierung die Menschen dazu bringen will, eine solche Krankenversicherung abzuschließen. Und wirklich – über unser OMA-Projekt konnten wir Beziehungen zu dem St. Monica-Hospital in der Nähe von Kisumu herstellen – dort schicken wir die Patienten hin, für die wir eine solche Versicherung abgeschlossen haben: ihre Rechnungen werden von der Versicherungsgesellschaft prompt bezahlt. Wenn sich also nur genügend Menschen selbst versichern könnten, bekämen die Krankenhäuser schneller ihr Geld.
Ihr müsst wissen – eine Versicherung in diesem Land abzuschließen, kann man als wirklichen Durchbruch bezeichnen. Die Menschen hier mögen das nicht. Sie denken: erst bezahle ich für eine Versicherung, dann habe ich Pech und werde gar nicht krank – und habe das Geld praktisch „zum Fenster hinaus geworfen“. Auf diese Weise schlägt das OMA-Projekt zwei Fliegen mit einer Klappe: Kein Wunder, dass viele unserer Freunde dieses Projekt mögen.
Also – wenn Ihr dieses Projekt unterstützen wollt, schickt Eure Spende an „H. Burgman, OMA-Projekt“.
Drei Tage nach meiner Rückkehr im November besuchte ich Kisumu. Das Pandipieri-Centre war beeindruckend: das Gesundheitszentrum glich einem Bienenstock; eine Anzahl von Gebäuden musste für seinen Bestimmungszweck hergerichtet werden – andere Gebäude wurden renoviert. Die „alte Garde“ von Pandipieri geht einen schwierigen Weg. Paul Olaka (80) ist plötzlich gestorben; er war eine gigantische Persönlichkeit, der es immer schaffte, die Menschen zum Zuhören und Lachen zu bringen. Er arbeitete in vielen Projekten mit; die Wegstrecken von einem Projekt zum anderen bewältigte er mit seinem kleinen Motorrad. Paul hatte schwere Herzprobleme.
Josephine Akelo – die große Josephine – hat eine Schlaganfall erlitten, seither ist sie einseitig gelähmt; sie lebt jetzt in dem Haus ihrer Mutter (hinter dem Pandipieri Centre), wo man sich um sie kümmert. Aber sie kann noch immer lachen und kurze Sätze sprechen. Paul Onyango ist ebenfalls gestorben – bitte behaltet ihn in Erinnerung.
In der Zeit meines Umzugs nahm ich auch an Treffen zur Entwicklung und Zusammenarbeit teil – ein großes Thema in der Öffentlichkeit. Ich bemerkte, dass die Menschen nur wenig über die tatsächliche Situation Afrikas wissen. Viel mehr Menschen sollten unsere Rundbriefe lesen! Die meisten haben die simple Vorstellung, dass man mit Geld alle Probleme lösen kann. Ich versuche beständig darauf aufmerksam zu machen, dass finanzielle Unterstützung ein Zeichen für persönliches Engagement und Solidarität sein sollte. Bücher und Zeitungsartikel wurden geschrieben, in denen detailliert beschrieben ist, wie viel Geld verschwendet wird und dass viel stärker kontrolliert werden muss.; man müsse umfangreiche gemeinsame Strukturen bilden, um richtig erfolgreich zu sein.

Aber es gibt auch immer mehr Bücher und Artikel, die kleinere Strukturen für die besseren halten: wir sollten unsere großen Pläne den Afrikanern nicht aufzwingen; wir sollten versuchen, die Menschen dort in ihren Bemühungen zu unterstützen.

Mit anderen Worten: Mehr und mehr Menschen entdecken unsere Pandipieri-Methode auch für sich: In all der Zeit waren wir hier den anderen schon dreißig Jahre voraus.

Viele Freunde fragen mich nach meiner neuen Arbeit. Eines ist klar: Jetzt habe ich die Chance, die Erfahrungen, die ich in den vergangenen dreißig Jahren gemacht habe, an junge Männer weiter zu geben, die sie sich im Nairobi-Centre darauf vorbereiten, Mill Hill Missionare zu werden und dann unseren Spuren zu folgen. Sie leben verstreut in ca. 12 Häusern, wo sie ihren eigenen Haushalt haben. Sie besuchen Theologievorlesungen an der nahen Universität. Das Nairobi-Centre bietet ihnen zusätzlichen Unterricht, der den missionarischen Geist fördern soll. Die Studenten kommen aus ganz Afrika, aus Indien und von den Philippinen – eine faszinierende Mischung.
Zurzeit wohne ich in einem winzigen Raum, werde aber in nächster Zukunft wohl ein bisschen mehr Platz haben. Meine e-mail Adresse ist noch die gleiche. Meine neue Postadresse lautet wie folgt:
Mill Hill Missionaries;
Chelsea Marina Courts;
P.O.Box 865 Uhuru Gardens
00517 Nairobi; Kenya.

Bald endet das Jahr, das für Kenia so schrecklich begann. Viele fragen mich, wie die Situation jetzt ist. Als ich am Flughafen in Nairobi ankam, forderte ich ein Taxi an. Ich grüßte zwei Kikuyu-Ladies in ihrer Sprache und sie fragten mich, ob ich auch ein Kikuyu sei. Als ich sagte: „Ich bin ein Luo“, lachten Sie und rümpften die Nasen. Ich glaube schon, dass ein Prozess in Gang gekommen ist, aber man fragt sich doch, wie durch Barack Obama alle Probleme so wunderbar in den Hintergrund geraten konnten.

Ich wünsche Euch allen ein friedvolles Weihnachtsfest und ein besseres Neues Jahr.

Hans