Sommer 2010

Liebe Freunde,

Im Februar bin ich von Nairobi nach Kisumu zurückgekehrt und bin jetzt so etwas wie ein Ombudsmann für die Arbeiter hier in Pandipieri. Auf diese Weise konnte ich sehen, dass manche hier die Probleme anders zu lösen versuchen, als ich es tun würde Ich selbst würde – wenn es ein Problem gibt – alle beteiligten Personen zusammen rufen und um ihre Meinung bitten, damit Licht in die Angelegenheit kommt: mit solch einem zusätzlichen Licht werden die Konturen schärfer und man kann die Probleme besser erkennen. So denkt man hier aber nicht. Hier sehe ich, dass alle, die mit einem Problem zu tun haben, eher dazu neigen, das Ganze noch mehr durcheinander zu bringen, damit in dem dadurch entstehenden undurchsichtigen Wirrwarr nicht mehr erkennbar ist, wessen Fehler das Problem verursacht hat. Damit wird jedes Problem unlösbar und gerät – unerledigt – im Laufe der Zeit in Vergessenheit. Hallo, Ombudsmann -gibt es Dich noch ?

Außerdem versuche ich, die alten Pandipieri-Ideale durch neue Initiativen ein wenig aufzupolieren – viele sind sehr glücklich darüber. Unserer Mill Hill Missionsstation wird immer bunter, weil immer mehr Kandidaten aus außereuropäischen Ländern dazu kommen. Es gibt immer mehr junge Männer aus Indien und den Philippinen hier bei uns: Mill Hill bleibt in Bewegung und es wird immer deutlicher, dass die verschiedenen Kulturen lernen müssen, miteinander umzugehen. Was damit auch deutlicher wird, ist die Basis sowohl unserer Entwicklungsarbeit als auch die unseres Apostolats: Jeder einzelne soll bei uns aufblühen und die Chance erhalten, seine Fähigkeiten zu entwickeln.
Hier sollten die Unterschiede der Kulturen keine große Rolle spielen.
-Welche Bedeutung eine Hütte hat…….
Die dörflichen afrikanischen Kulturen bergen oft wahre Schätze an Weisheiten. Das wurde mir erst kürzlich bewusst, als ich hörte, wie eine unserer kenianischen Gemeinden die Symbolik ihrer Hütten beschrieb: Hütten sind ein Symbol der Gemeinschaft; der Mittelpunkt einer Hütte symbolisiert das Leben innerhalb der Gemeinschaft; die höchste Spitze der Hütte steht als Symbol für die Vorfahren und die Dachpfosten sind das Symbol für die Ältesten. Die vertikalen Bretter der Wände stehen für Männer und die horizontalen Bretter versinnbildlichen die Frauen. Die Stricke, mit denen horizonale und vertikale Bretter miteinander verzurrt sind, gelten als Symbol für die Kinder. Ist das nicht ein schönes Sinbild ?

-Vier Räuber
… und noch eine kulturelle Anekdote: an einem Sonntag, als wir gerade „shulbak“ in Nyalenda spielten, amüsierten sich meine Mitspieler königlich über folgende Geschichte:
Es gab einen Mann im Dunga Fischerdorf, der in seinem Haus von vier Räubern überfallen wurde. Er bat um Gnade, aber sie griffen ihn mit Macheten an. Der Mann warnte sie, dass sie sich mit diesem Überfall bösen Ärger einhandeln würden; aber sie schlugen ihn weiter und ließen ihn schwer verwundet zurück. Dies passierte vor einigen Wochen; nun liegen drei der Räuber todkrank und völlig verrückt im Kopf im Krankenhaus und der vierte Räuber rennt verzweifelt umher und hält seine Genitalien, aus denen die Würmer kriechen – der überfallene Mann hatte die Räuber verhext. Meine Freunde versicherten mir, dass es Menschen gibt, die andere mit Flüchen belegen können – sei es, weil sie eine persönliche Gabe haben oder weil ihre Eltern mit ihnen bestimmte Rituale durchführten, als sie noch Kinder waren.
-Ein gehörloses Mädchen…

Wann immer wir „shulbak“ spielen, treibt sich ein kleines 4-jähriges Mädchen in unserer Nähe herum. Sie ist taub und stumm. Sie lebt nicht bei uns aber doch ganz in der Nähe. Sie spielt dann ein wenig, schläft ein bißchen, macht ein paar Zeichen mit der Hand und bekommt einen Teller mit Essen. Irgendwann ist es dunkel – fast zehn Uhr! Sollte sie nicht langsam nach Hause gehen ? Nein – ihre Mutter weiß, dass sie bei uns ist Aber sollte nicht irgend jemand das kleine Mädchen nach Hause begleiten ? Nein – sie findet ihren Weg schon alleine. Vier Jahre alt ! Stumm und taub ? Alleine zurück nach Hause zwischen all den Wellblechhütten und in der Dunkelheit ? Ja – Kinder können das: dank der Erziehung zur Unabhängkigkeit, die sie erfahren.

 

Das Gesundheitsprogramm unserer Gemeinschaft

Vor nicht allzu langer Zeit saß ich in Schwester Bernadette’s Büro, um die Kassenbücher zu prüfen. Erstaunlich, wie sich alles hier entwickelt hat! Hier sind nun 37 Personen beschäftigt – viele von ihnen mit medizinischer Ausbildung. Sie bekommen hier den Lohn, der von der Regierung für diese Tätigkeit vorgeschrieben ist. Für alle zusammen, belaufen sich die Lohnkosten auf ca. Euro 10.000,00 / Monat. Daraus kann man ersehen, dass alle, die hier arbeiten, anständig entlohnt werden. Für mich ist das ein Grund zur Freude. Mit unserem Gesundheitsprogramm helfen wir nicht nur vielen Kranken, unterweisen tausende Haushalte in der Haushaltsführung und Nachbarschaftshilfe – wir geben auch noch 37 Personen Arbeit und einen anständigen Lohn.

Das Gesundheitsprogramm hier steckt voller Überraschungen. Gestern traf ich zufällig eine holländische Dame mit Namen Inge hier im Pandipieri Centre. Sie ist Ärztin und begleitet unserer Programme hier einen ganzen Monat lang; sie war sehr aufgeregt und erfreut darüber, wieviel sie hier schon gelernt hatte. Am gleichen Tag sah ich in der Nähe des Tores ein Mädchen an einem Tisch mit Wasserflaschen sitzen – sie machte dort Werbung für eine neue Entdeckung. Wissenschaftler hatten nämlich herausgefunden, dass man Wasser sterilisieren kann, indem man die mit Wasser gefüllten Flaschen für einige Stunden in die Sonne stellt. Die Leute, die dem Mädchen ihre Botschaft glaubten, schrieben ihren Namen in das Buch des Mädchens und bekamen eine Flasche Wasser. An diesem Morgen waren schon achte neue Namen in das Buch eingetragen worden. Dieses Mädchen gehörte zu einem Aktionsbündnis, das die Neuentdeckung bekannt machen wollte und hatte ihren Stand im Rahmen unserer Gesundheitsprogramme im Centre aufgebaut.

Wann immer wir über unsere Gesundheitsprogramme sprechen, denken wir an Jacinta van Luijk. Schon deshalb waren es gute Neuhigkeiten für alle in Millhill, das Jacinta seit dem 1. Mai wieder bei uns ist und mit ihrer Arbeit die gefährliche Welt rund um Kitale etwas besser machen will.

 

Euch allen wünsche ich, dass Ihr den Sommer genießen könnt.

 

Hans