Sommer 2009

Liebe Freunde,

 

Viele Grüße aus Nairobi, wo ich jetzt bin und neue Erfahrungen sammle.

Selbst während ich hier sitze und schreibe, bin ich mir der Tatsache bewusst, dass ich mich genau an der Grenze zwischen zwei Welten befinde. Direkt hinter mir kann ich eine gut florierende und wohlhabende – von Schranken geschützte – Gesellschaft sehen – hohe Mauern und teure Wagen. Gestern sprach ich mit einigen Nachbarn, die gerade umziehen. Sie sagten mir, dass sie umziehen, weil das neue Haus näher an der Schule liegt, in die der kleine Sohn der Familie geht. Sie wollen sich durch den Umzug den täglichen Aufwand und die Zeit sparen, den Jungen zur Schule zur bringen und wieder abzuholen.

Vergangene Woche gab ich eine Einweihungsfeier für meine Nachbarn. Nur einige wenige kamen. Eine Dame entschuldigte Ihren Ehemann damit, dass er zu einem Golfturnier müsse. Später – als ich aus meinem Fenster schaute, sah ich dann Kibera – das ist der große Slum, von dem ich Euch in meinem letzten Brief berichtete und in dem ungefähr 700.000 Menschen leben – zwei Welten so nah und doch so gegensätzlich.

Die Lebensbedingungen dieser Menschen in Kibera sind jenseits von Gut und Böse. Diese Menschen leben dort nicht unbedingt aufgrund ihrer Armut, sondern oft aus Unternehmungslust: Ja, sie nehmen obendrein diese Hölle auch noch in Kauf. Die großen Schwierigkeiten beginnen dann, wenn sie Kinder bekommen – das setzt ganz merkwürdige Gedanken frei. Es ist schon klar, dass die Menschen hier es vorziehen, ihr
Leben als ein einziges „Krisen-Mangement“ zu betrachten. Ich glaube sogar, dass sie – wenn sie schon einmal einen Plan machen, immer etwas in diesen Plan einbauen, was absolut unmöglich ist, sodass der Plan irgendwann einmal auf jeden Fall misslingen muss. Dann können sie ihr Leben wieder nach dem bewährten Muster „Krisen-Management“ bewältigen. Frei nach dem Sprichwort: Im Ernstfall ist das Recht außer Kraft gesetzt. Die Menschen in Kibera sind beständig dabei, Krisen zu bewältigen – und hier gilt immer der Ernstfall.

Etwas anderes, an das ich mich hier gewöhnen muss, ist der fürchterliche Verkehr. Jeder fährt so schnell er kann, überholt rechts und links – selbst auf der Standspur. Viele schneiden Dich beim Überholen oder lassen Dich nicht in den laufenden Verkehr einfädeln. So, wie man sich hier mit ohrenbetäubendem Hupen Platz verschafft, habe ich manchmal das Gefühl, dass Neandertaler hinter dem Steuer sitzen: aber nein – es sind normale Menschen, sogar nette, junge Damen. Daran muss man sich erst gewöhnen.

Mindestens einmal im Monat fahre ich nach Kisumu. Die neue Gemeinschaftshalle in Pandiperi wird sehr schön. Sie liegt ein wenig eingequetscht zwischen andren Gebäuden – aber auch das hat einen gewissen Charme: Ein Irrgarten gewundener Passagen und schönen Plätzen ist so entstanden. Unser Gesundheitszentrum entwickelt sich auch weiter und „frisst“ sich immer mehr in Richtung der benachbarten Gebäude – ein gesundes, natürliches Phänomen. Wenn man Gebäude wie diese Gemeinschaftshalle baut oder auch wie die Haushaltsschule für die Mädchen in Magadi, so ist das ein arbeitsreicher Prozess, denn auch bezahlt wird hier nach den Gesetzen des „Krisenmangements“. Aufgrund des langsamen Arbeitstempos steigen die Preise – das wiederum verstärkt die Krise. Am Ende ist immer alles gut – aber du willst nicht wirklich wissen, wie alles letztendlich gelaufen ist!

Die Regierung ist bereit, über den Entwicklungsfond zu helfen; angewiesen werden die Gelder durch die Mitglieder des Parlaments. Man hatte uns von dort Geld für die Gemeinschaftshalle und die Schule versprochen – aber letzten Monat las ich dann in der Zeitung, dass die für Ksiumu vorgesehenen Gelder beim Bau von „Phantom-Projekten“ verschwunden sind. Ein Priester aus der Nachbargemeinde war da besser dran: dort installierte man wenigstens die elektrischen Leitungen in der neuen Schule, obwohl man ihm vorher auch die Gelder für den gesamten Schul-Neubau zugesagt hatte. Wir warten also – mit angehaltenem Atem – auf das neue Budget.

Die Tradition, dass Besucher nach Pandipieri kommen und dort Erfahrungen sammeln, setzt sich fort. Sie genießen die Abenteuer hier – man spürt hier noch so viel von dem Geist des früheren Pandipieri. Wann immer ich in Kisumu bin, nehme ich an den Gesprächen und Versammlungen teil und halte Kontakt zu allen. In der vergangenen Woche kam der neue Vorsitzende des Gemeindrates von S. Josph und holte mich zum Abendessen ab. Wieder daheim, als ich ins Bett gehen wollte, merkte ich, dass meine Brieftasche aus meiner Tasche gefallen war – vermutlich, als ich in seinem Wagen saß. Ich beschloss, am nächsten Morgen mit den Hühnern aufzustehen und zu ihm zu gehen, um nach meiner Brieftasche zu fragen. Ich wachte früh auf, sah auf meine Uhr – es war 06:00 hh . Ich zog mich schnell an, schlich mich aus dem schlafenden Haus in mein Auto, startete den Motor und machte Lichter an. Gerade, als ich losfahren wollte, sah ich auf der kleinen Uhr am Armaturenbrett: es war ja erst 01:30 hh – ich hatte mich in der Zeit vertan. Später – bei einem zweiten – Versuch, fand ich dann meine Brieftasche in dem Auto des Mannes, mit dem ich zu Abend gegessen hatte.

Wie ich bereits in meinem letzten Brief erwähnte, lebte eine Gruppe indischer Schwestern ein paar Häuser weiter – ich feiere oft den Gottesdienst mit ihnen. Dafür belohnen Sie mich mit einem scharfen Currygericht zum Frühstück. Das ist sehr nett, denn – wie ich in kürzlich in einer Zeitschrift las, schützt Curry gegen Alzheimer. Ich rate Euch – probiert das auch !

Während ihrer Ausbildung haben diese Schwestern auch Karate gelernt, damit sie sich im Notfall verteidigen können. Letzten Monat reisten zwei von Ihnen mit dem Bus von Kampala nach Nairobi. Plötzlich sprangen vier Leute auf den Bus und drängten den Busfahrer von seinem Platz; einer von ihnen übernahm das Steuer und die anderen begannen damit, die Reisenden systematisch auszurauben und bedrohten sie mit Messern. Sie packten die Nonnen an der Gurgel aber alles, was sie Nonnen taten, war Zeter und Mordio zu schreien – von Karate keine Spur. Nachdem die Diebe das Geld und alle Wertgegenstände der Reisenden gestohlen hatten, verschwanden sie wieder in der Dunkelheit. Die Opfer des Überfalls sagten zueinander, dass sie noch Glück gehabt hatten, weil nichts Schlimmeres passiert war; die Diebe hätten sie schließlich auch töten können.

Die Schwestern lieben es, in ihrer Kapelle auf dem Boden auf Kissen zu sitzen. In der vergangenen Woche saß ich nach einem Gottesdienst noch eine Weile auf einem Stuhl, als eine der Schwestern kam mir zuflüsterte, dass bei dem Kissen direkt hinter mir eine Ratte sei. Ich rückte das Kissen vorsichtig zur Seite und – tatsächlich – da saß eine fette Ratte. Aber was tut man mit einer Ratte an seinem so friedvollen Ort wie dieser Kapelle mit all ihrem Schmuck, den Blumen und den Ewigen Lichtern ? Später hat dann einer der Messdiener die Ratte mit einem Besen erschlagen.

Seit Ende April wohne ich in einem der schönsten Häuser, in dem ich je gelebt habe. Nun endlich kann ich Pläne machen, wie ich die Kontakte zu den Studenten gestalte. In der Zwischenzeit habe ich indische Philosophie studiert und gelernt, wie engstirnig unsere westlich Denkweise ist. Ich befasste mich auch intensiv mit dem Thema „Entwicklungshilfe“. Es gibt wichtige Bücher zu diesem Thema und die Meinungen dazu sind vielfältig. Ein Experte ist der Meinung, dass die Entwicklungshilfe falsch organisiert sei; der nächste meint, die Hilfe erreicht die Millionen Menschen am unteren Ende der Skala nicht. Wieder ein anderer sieht die Entwicklungshilfe sogar als die Ursache der ganzen Misere und würde sie am liebsten abschaffen, während eine andere Gruppe die kommunalen Regierungen für das Elend verantwortlich macht, die ständig nach neuen Sündenböcken suchen, während sie selbst sich die Taschen füllen. Zur Zeit lese ich sechs Bücher gleichzeitig zu diesem Thema. Auf dem „Friends day“ Ende August werde ich darüber berichten. Diejenigen von Euch, die meine Ansprache in den letzten beiden Jahren hörten, werden merken, dass ich diese Diskussion erneut aufnehme und weiter entwickeln will. Eines ist klar: mit Pandipieri erreichen wir unser Ziel. Als Missionar fühlte ich oft von den Experten der Entwicklungshilfe zur Seite geschoben – aber auch das ändert sich langsam, weil auch ihnen nun klar geworden ist, dass es unmöglich ist, afrikanische Probleme einfach in wirtschaftliche Kategorien zu pressen.

Verhaltensweisen müssen geändert werden und gegenseitiges Vertrauen muss aufgebaut werden, Versöhnung, gegenseitige Abstimmung und Großzügigkeit sind nötig – all dies sind Begriffe, die im Wortschatz der Experten fehlen, die aber zum Rüstzeug eines Missionars gehören.

In den letzten Tagen habe ich den Lehrplan für die Kunstschule erarbeitet. Das ist ein Buch mit einem Stundenplan für jede Klasse; der Stundenplan beinhaltet: zeichnen, malen, töpfern, malen mit Wasserfarben, graphische Arbeiten und abstrakte Kunst. An diesem Programm zeigt auch die Regierung Interesse, denn im ganzen Land gibt es nur ganz wenige solcher Schulen. Vielleicht unterstützen Sie uns ja sogar – sie sind herzlich willkommen.
Nur für den Fall, dass sich einige meiner Freunde fragen, warum ein Bart aus meiner Nase wächst: lest meinen letzten Brief ! Jetzt sind die Haare schon 4 Zentimeter lang und für den Moment lasse ich das einfach so – dann kann ich Euch das zeigen, wenn ich Urlaub zuhause mache. Danach müssen sie wieder verschwinden – sie sind einfach zu lästig.

Und zum Schluss noch: wenn jemand daran interessiert ist, meinen Nachruf zu lesen, holt Euch die Mai-Ausgabe des holländischen Magazins „De Jacobsstaf“. Ich bin Abonnent dieses Magazins, seitdem ich als Pilger den Jakobsweg nach Santiago de Compostela ging. Die Dezemberausgabe wurde an meine Urlaubsadresse in Oosterbeek (Holland) geschickt. Dort machte man fälschlicherweise einen Vermerk auf das Magazin “ Dieser Empfänger ist verstorben“ und schickte das Magazin zurück. Und weil mich die Leute vom „De Jacobsstaaf“ gut kennen, schrieben sie in der nächsten Ausgabe vom Mai 2009 einen wunderschönen Nachruf anlässlich meines „Todes“. Viele meiner Freunde lasen das und waren schockiert – verständlich. Es ist nicht jedem gegeben, seinen eigenen Nachruf lesen zu können; mir haben die netten Leute des Magazins leid getan – sie hatten es wirklich gut gemeint.

Liebe Freunde, ich reise jetzt bald ab und hoffe, in der Zeit vom 15. Juli bis zum 15. Oktober in Europa zu sein. Hoffentlich kann ich viele von Euch treffen, ganz besonders anlässlich des „Friend“s Day“ in Oosterbeek.

 

Hans