Sommer 2007

Liebe Freunde,

die Aktivitäten der kriminellen, mafia-ähnlichen
Organisation Mungiki verursachen viel Unruhe
im Gebiet der Kikuyus. In einer Hinsicht ist
Mungiki fast die Wiederauferstehung der Mau Mau,
in anderer Hinsicht gleicht die Organisation einer
religiösen Sekte. Sie machen schreckliche Dinge.
Die Polizei versucht, sie mit Mitteln gegen den
pb

Terrorismus zu bekämpfen und es ist
beunruhigend, Tag für Tag damit konfrontiert
zu werden, wie die Polizei Verdächtige
niederschießt. Nur wenige hier sind der
Ansicht, dass dies der richtige Weg ist, die Mungiki
zu bekämpfen. Glücklicherweise sind die
Menschen im Westen Kenias (noch) nicht betroffen.

In der Zwischenzeit sind wir weiter mit unserem eigenen „Krieg“ beschäftigt – hauptsächlich mit dem Kampf gegen die Ratten. Wenn man eine tötet, schafft man Raum für die nächste. Vor zwei Wochen versuchte eine große Ratte ein Loch im Dach, durch welches die Elektroleitungen geführt werden, zu vergrößern; dabei wurde sie von einem Stromschlag und den Funken getötet – Blut tropfte herunter. Alle Leitungen mussten dann neu in Kabelkanälen verleget werden. Bei uns sind die Dächer alt und bestehen nur aus Brettern. Die Reparaturarbeiten, das Hämmern und Schlagen hüllte uns in Wolken aus Staub und Farbe – eine fürchterliche Drecksarbeit.

Die Zeit verfliegt – in einigen Wochen werde ich nach Holland reisen. Mehr noch: in einigen Monaten beginne ich mein achtzigstes Lebensjahr. Viele fragen mich, wie lange ich noch hier in Kenia arbeiten will. Es ist zwecklos zu ignorieren, dass sich meine Zeit hier dem Ende zuneigt; trotzdem kann ich mir im Moment noch nicht vorstellen, zurück nach Holland zu gehen. Hier in Kisumu geht es um viel mehr als um mein patriarchalisches Alter. Schon im vergangenen Jahr hat uns unser Bischof informiert, dass nun die Zeit gekommen ist, die Gemeinde zu „afrikanisieren“. Da wird einem auf einmal klar, dass man sich nach Alternativen umschauen muss. Davon einmal abgesehen, weht jetzt ein anderer Wind in den oberen Etagen von KUAP-Pandipieri. Es ist meiner Gesundheit nicht mehr zuträglich, an der Spitze von KUAP –Pandipieri zu stehen und auch für die neuen Leute, die die Verantwortung übernehmen, ist nicht angenehm, wenn sie ständig mit meiner Präsenz rechnen müssen.

Meine Überlegungen sind folgende: Ich würde gerne in Kenia bleiben, um auch weiterhin nützliche Arbeit zu leisten – am liebsten in der Nähe von Kisumu, um KUAP-Pandipieri aus nächster Nähe so gut wie möglich unterstützen zu können. Man hat mir das interessante Angebot gemacht, nach Nairobi zu gehen, um beim Aufbau des neuen Ausbildungszentrums und der Ausbildung der neuen Mill Hill Missionare zu helfen, die aus Afrika, Asien und vielleicht auch aus Europa kommen. Seit sich Mill Hill dazu durchgerungen hat, Kandiaten aus der „Dritten Welt“ zu akzeptieren, und seitdem die Ausbildung von London nach Nairobi verlagert wurde, ist die Anzahl junger Missionarskandidaten beträchtlich gestiegen. Jemand hat mir erzählt, dass es für das kommende Jahr 40 Kandidaten aus Afrika und aus Indien sogar 70 Kandidaten gibt. Es wäre für mich eine interessante Herausforderung, Schulter and Schulter mit nicht-europäischen Theologiestudenten zu arbeiten und sie mit meinen missionarischen Ideen vertraut zu machen: Dass es nämlich wichtiger ist, Gebäude für die Gemeinschaft zu bauen als Dogmen oder sogar die Armut bekämpfen direkt bekämpfen zu wollen. So habe ich all die Jahre in Pandipieri gearbeitet und -wer weiß – vielleicht gibt es ja in naher Zukunft auch neue Entwicklungen !

Bisher haben meine Urlaubspläne noch keine genauen Konturen angenommen. Da in Oosterbeek gebaut wird, kann ich vermutlich dort nicht unterkommen – aber mir steht ein Auto zur Verfügung. Für alle, die mich mögen, ist jetzt die Zeit gekommen, mich zu einem ausgedehnten Besuch in ihrem Haus zu verführen !

Kisumu wächst schrecklisch schnell; es scheint, als würde Kisumu zum Mittelpunkt der Völker, die rund um den Viktoriasee leben. Der Verkehr nimmt immer verrücktere Ausmaße an. Ganze Schwärme von Fahrradtaxis fliegen durch die Straßen – mit gerade einmal einem Passagier im Gepäck. Die meisten von ihnen haben kein Licht – was aber für sie kein Grund ist, im Dunkeln langsam zu fahren. Es gibt unheimlich viele Motorräder – in den Parks sieht man die Menschen das Fahren üben. Wenn ich das sehe, fällt mir eine lustige Geschichte ein, die einem Kollegen passiert ist, als er lernen wollte, wie man ein Motorrad fährt:

Als mein Freund Jan Slaman aus Purmerend so um 1995 herum in Ostafrika ankam, kaufte er sich – wie alle Missionare – ein funkelndes Motorrad.: eine AJS oder Matchless von BSA, den genauen Typ habe ich vergessen. Als er schließlich anfangen wollte, Motorrad zu fahren, war er unsicher. Er war ein wirklich qualifizierter Theologe und bestens in der Lage, über die Heilige Dreifaltigkeit zu referieren, aber er hatte keine blasse Ahnung von den Mysterien eines Getriebs oder wie man eine Kupplung bedient. Er arbeitet wirklich hart. Um genügend Platz zu haben, übte er auf einem Fußballfeld. Nach einer Weile schaffte er es, den Motor in Gang zu setzen; ihn wieder auszumachen, war hingegen schon eine neue Herausforderung. Es war nicht möglich, sich in seiner Nähe zu halten und ihm Anweisungen zu geben. Meistens ließ er sich dann einfach vom laufenden Motorrad fallen. Um zu lernen, wie man lenkt, steuerte er die beiden Torpfosten auf dem Fußballfeld an und wollte um sie herum fahren; aber nicht einmal das schaffte er: jedes Mal, wenn er in die Nähe eines Pfostens kam, umschlang er den Pfosten mit beiden Armen und ließ das Motorrad alleine weiter fahren. Danach übte er auf der Straße, wo ihm keine Torpfosten im Wege waren. Aber dort war ein Mann. Jan und sein Motorrad wurden von diesem Mann wie von einem Magneten angezogen. Der Fußgänger floh von der Straße, aber Jan “verfolgte” ihn durch Bananenplantagen und Süßkartoffelfelder, bis er ihn schließlich hatte. Er umschlang den Mann mit beiden Armen und ließ – wieder einmal – sein Motorrad alleine weiter fahren. Danach ließ Jan sein Motorrad einfach dort, wo es war und ging zu Fuß nach Hause. Seither hat er niemals wieder ein Motorrad angefasst sondern seine ganze Energie auf die Schätze der Theologie verwandt. Er wurde einer der hellsten Sterne am Firmament der Theologie.

Liebe Freunde, an Euch alle die besten Grüße – Gott segne Euch !

Hans