Sommer 2006

Liebe Freunde,

unsere Projekte in Kisumu wachsen weiter. Viele Monate lange haben wir daran gearbeitet, die Pläne zu erstellen und die Genehmigungen einzuholen, die erforderlich waren, um für die Mädchen-Haushaltungsschule ein neues Gebäude an der Stelle zu errichten, wo vorher die „Nyalenda Plastic Recycling Industry“ angesiedelt war. Nach langem Hin und Her ist jetzt alles fertig – wir können mit dem Bau beginnen. Es wird ein großes und schönes Gebäude mit vielen Verbesserungen für dieses wunderbare „Mädchenprogramm“ werden. Nach einer 25-jährigen intensiven Nutzung waren die alten Gebäude regelrecht zerfallen; einige der Klassenräume sind so klein und eng gestaltet, dass nur ganz dünne Mädchen dort sitzen können. Ihr wisst, dass wir jährlich ca. 125 Mädchen zwischen 15 und 30 Jahren in unsere Haushaltungsschule aufnehmen und dort unterrichten.

Auch das KUAP Abenteuer “Afrikanisierung” wächst und gedeiht. Einige örtliche kulturelle Eigenheiten bereiten uns jedoch Schwierigkeiten. Die einheimische Kultur basiert darauf, dass Macht immer Vorrang hat – ganz so wie in der Natur!
Da Macht der Ursprung von allem ist, trachtet natürlich jeder danach, soviel Macht wie möglich zu erlangen – auch in den zwischenmenschlichen Beziehungen. Das Bestreben nach der größtmöglichen Macht kann auf verschiedene Arten erfolgen:
Eine Möglichkeit ist es, alle Menschen in der Umgebung klein und unzulänglich erscheinen zu lassen; eine andere Möglichkeit besteht darin, sich selbst mit mächtigen Leuten zu umgeben und sicher zu stellen, dass man immer ein bisschen höher steht als diese. Hier bei uns gewinnt man schnell den Eindruck, dass die Einheimischen die erste Methode bevorzugen und andere in ein schlechtes Licht rücken.

Jetzt eine ganz wichtige Information: Alphonce Lumumba wird KUAP/Pandipieri verlassen; er möchte sein Studium fortsetzen und hat deshalb seinen Vertrag in diesem Sommer nicht verlängert. Sein Weggang ist für uns ein großer Verlust; mit seiner ihm eigenen Philosophie war er ein Teil, eine Zelle der Geschichte Pandipieris. Während der letzten Jahre hatte er eine sehr schwierige Doppelfunktion: Leiter des „Tagesvorstands“ sowie Sekretär des KUAP-Vorstands. Seinen Nachfolger erwarten wir mit einiger Beklemmung.

Die Fußballweltmeisterschaft hat Kenia stark beeinflusst. Sicher, Afrika hat eine ordentliche Aufstellung von Topspielern präsentiert; aber die Leistung, die diese Spieler dann zeigten, frustrierten doch viele. Als echte „Pandipieri-Charaktere“ wissen wir doch, wie solche Einschätzungen entstehen. Hier eine kurze Betrachtung über den Status des heutigen Fußballs – aus unserer Sicht:

Das offensichtliche Problem war, das zu viele gute Spieler auf dem Spielfeld waren. Folglich war es nahezu unmöglich, den Ball vorwärts zu bringen. Aus diesem Grund gingen viele Spieler „auf Nummer sicher“ und spielten den Ball nach hinten. Um nach vorne zu kommen, brauchte es schmutzige Tricks und Fouls. So viele Spiele wurden durch Elfmeter und Freistöße entschieden. Es wäre eine Möglichkeit, mehr schlechtere Spieler in das Team zu nehmen; allerdings würde die Auswahl sicher schwierig werden. Eine andere Alternative wäre, den Spielern die Arme auf den Rücken zu binden. Am einfachsten aber wäre es, die Anzahl der Spieler auf dem Feld zu verringern; mit neun Spielern für jedes Team wäre könnte ausreichend Platz für alle auf dem Spielfeld geschaffen werden. Und – um endlich das allgegenwärtige Ziehen an den Trikots abzuschaffen, müsste man nur die Trikots abschaffen und die Clubfarben auf den Körpern der Spieler aufbringen.

Kaum in Holland angekommen, war ich auch schon auf dem Weg nach Deutschland, um Zeuge der großen Geschehnisse zu werden, die dort jedes Jahr stattfinden, um unsere Projekte in Kisumu zu unterstützen. Die große Figur hinter den Kulissen ist unser alter Freund Joseph Reith. (Er arbeitete 20 Jahre lang in Kisumu mit ganz enger Verbindung zu Pandipieri). Er und seine Arbeit haben eine Gruppe großzügiger Freunde in Kerzell – Joseph’s Heimatort nahe Fulda – inspiriert, jedes Jahr im Dezember Weihnachtsbäume zu verkaufen und (wie jedes Jahr) auch am letzen Sonntag im Juli 2006 ein Hoffest in Kerzell zu veranstalten. Bei diesem Fest anwesend zu sein, hat mir richtig Schwung gegeben. In diesem Jahr dachte ich: „Was für Schande, dass die Menschen in Pandipieri nicht sehen können, wie eine Handvoll einfacher Menschen wie Teufelskerle arbeiten, um einen enormen Geldbetrag für die Projekte Pandipieris zu beschaffen. Am Sonntag wurden 400 Mittagessen verkauft; außerdem 50 Kuchen und Torten – alle selbst gebacken von Leuten aus Kerzell – dazu noch unzählige Würstchen und Steaks sowie wahre Fluten von Bier, Wein und anderen Getränken. Bands spielten, es waren Sänger und Redner da und Dutzende von Leuten schwirrten umher; sie kochten, bedienten, bauten auf und ab – und das alles für das große Ziel, den jungen Menschen in Kisumu zu helfen.

Die Organisation war perfekt. Wenn der Vorsitzende bemerkte: „Gut organisiert“ – so bedeutet das, dass alles perfekt funktionierte und niemand genau wusste –wie !
Ich für meinen Teil hielt eine kleine Predigt – natürlich in deutscher Sprache !

Einen Tag später besuchten wir eine Burg in Oberwesel hoch oben auf einem Berg nahe dem Rhein. Meine Augen – noch immer an Kenia gewöhnt – wurden durch ein großartiges Panorama gefesselt: unter mir die Stadt, dann der Fluss mit all den Schiffen, Eisenbahnlinien mit Zügen, Straßen voller Autos, und Weinberge, soweit das Auge reicht. Und dazwischen überall Villen und Häuser. Wie ich so mit meinem Fernglas die Gegend betrachtete, war ich überrascht, keinen Menschen entdecken zu können. Gut – ich will nicht übertreiben: Ich sah einen Mann, der in einem Weinberg arbeitete. Welch ein Gegensatz zu der Landschaft um Kisumu herum, wo es von Menschen nur so wimmelt!

Es heißt immer, Deutschland sei voll ! Ja sicher – mit Dingen, die von Menschen gemacht wurden, aber nicht voll mit Menschen.

Zur Zeit lese ich gerade ein Buch, das schon einigen Staub aufgewirbelt hat. Geschrieben hat es ein Entwicklungsexperte namens William Easterly. Das Buch heißt „The White Man’s Burden“ (voraussichtlicher deutscher Titel wird sein: Wir retten die Welt zu Tode“ ; das Buch wird vermutlich erst im Oktober 2006 in deutscher Sprache verfügbare sein. Anm. D. Übersetzers) mit dem Untertitel „Why the West’s Efforts to Aid The Rest Have Done so Much III And so Little Good.” (Warum die Bemühungen des Westens zu helfen soviel Schlechtes o wenig Gutes gebracht haben – voraussichtlicher deutscher Untertitel: „Für ein professionelleres Management im Kampf gegen die Armut“ – Anm. d. Übersetzers).

Seine Antwort auf diese Frage ist: Weil der Westen zu viel Vertrauen in die selbstsicheren Experten gesetzt hat, die große Pläne gemacht haben, ohne dabei die Wünsche der „kleinen Leute“ zu kennen und zu berücksichtigen. Dabei garantieren nur die Leute Erfolg im Kampf gegen die Armut, die sorgfältig heraus zu finden versuchen, was die Einheimischen wirklich brauchen, und was sie leisten können. Und das ist wirklich wahr:

In ganz Kenia sieht man die Ruinen von Einrichtungen, die nach den Plänen dieser so genannten Experten erstellt wurden. Zum Beispiel das „Lake Basin Authority“ (Seenmanagement Kenia). Genau das ist der Grund, warum wir vor 25 Jahren mit der „Pandipieri Philosopie“ begannen. Das heißt: Wir begannen damit, direkt mit den „kleinen Leuten“ zusammen zu leben; wir fragten Sie immer wieder: „Was erwartet Ihr von uns, und was könnt Ihr selbst tun? Was haltet Ihr von unserer Arbeit ?“ Unsere Methode hatte einen sensationellen Erfolg und inspirierte viele Gönner. Unglücklicherweise heißt es in dem Buch aber auch, dass die große Entwicklungspolitik daran festhält, auch in Zukunft solch große Pläne zu schmieden, die schon vor ihrer Umsetzung dem Untergang geweiht sind. Pläne des IMF (Internationaler Währungsfonds), der Weltbank, Jahrtausendziele und strategische Planungen, die auf den Theorien stadtgebundener Experten basieren, anstatt nach den kleinen Schritten zu suchen, die die Einheimischen dann auch selbst gehen können.

Bei dieser Lektüre habe ich manchmal das Gefühl, dass dieser Mann unsere „Pandipieri Philosophie“ beschreibt. Ich hoffe sehr, dass auch das gegenwärtige KUAP Führungsteam dies realisiert und der Versuchung widersteht, auf die Seite der „Großen Planer“ zu wechseln. Diese haben keinen Zugang zu dieser Art von Literatur und manche von ihnen sind von den „Großen Planern von Nairobi“ sicherlich leicht zu beeindrucken. Manche denken sogar, dass es der Wunsch unserer Gönner und Freunde ist, sich den Methoden dieser Planer anzuschließen.

Soweit es mich persönlich betrifft – mir geht es gut; ich habe mir so eine Art medizinische Checkliste erstellt. Meine größte Sorge ist, dass meine Hüft so steif ist. Die Operation schien gut verheilt zu sein, und das einzige, was noch erforderlich schien, war eine gute Physiotherapie. Das nächste war dann der mögliche Hautkrebs – aber es gab keinen Grund zur Sorge. Auch meine Augen habe ich überprüfen lassen – alles ist also o.k. Ich habe ein schönes Zimmer im St. Joseph’s House in der Nähe von Vrijland in Oosterbeek. Hier herrscht ein vergnügter Geist: alle Leute hier sind alte Freunde von mir. Aber es ist hart, Kisumu zu vergessen. Hier geht alles fünf Minuten früher los – in Kisumu dauert alles 20 Minuten länger als geplant. Telefonisch könnte Ihr mich unter 026 3397557 und 0630298613 erreichen. E-mails könnte Ihr an meine kenianische Adresse richten; ich kann die Mails auch hier abrufen. Voraussichtlich werde ich bis Anfang Oktober noch hier in Holland sein.

Mir steht sogar ein Auto zur Verfügung; ich schätze diesen tadellosen Verkehr und die perfekten Straßen von Holland wirklich. Von Kenia bin ich enge und nur notdürftig reparierte Straßen mit Schlaglöchern gewöhnt – von den nicht vorhandenen weißen Mittel- und Randmarkierungen ganz zu schweigen. Kisumu City ist ein Gewimmel aus Fahrradtaxis, die anstelle einer Lampe höchstens eine Klingel haben; wenn Du mit denen kollidierst, hast Du einfach Pech gehabt.

Das erinnert mich an etwas, was einigen Nonnen in einem einsamen Teil Kenias passierte: Mit ihrem kleinen Wagen fuhren sie über eine kurvenreiche Straße, es war dunkel und starker Regen blendete die Nonnen. Plötzlich saßen sie hinter einem langsam fahrenden LKW fest, der natürlich keine Rücklichter hatte, und kein Lärm der Welt hätte ihn dazu bewegen können, Platz zu machen. Als die Straße etwas breiter wurde, sahen die Schwestern ihre Chance und überholten. Als sie schon fast an dem Hindernis vorbei waren, bemerkten sie, dass es sich gar nicht um einen LKW handelte, sondern dass es ein Elefant war, der ihnen den Weg versperrt hatte. Oftmals, wenn ich mich donnernden Bussen und LKWs gegenüber sehe, sage ich zu mir selbst: „Wenn das doch nur Elefanten wären!“

Ich möchte noch all meinen Freunden für ihre treue Unterstützung danken. Ich kann Euch allen versichern, dass die Programme Pandipieris unter der Führung von „Suchern nach dem, was die kleinen Leute wirklich brauchen“, weiter wachsen und gedeihen werden. Ich freue mich schon auf den „Pandipieri Friends Day“ am 9. September hier in Oosterbeek – eine wundervolle Gelegenheit, viele Euch zu treffen.

 

Hans Burgmann