Ostern 2010

HANS BURGMAN SCHREIBT

MEINE HEIMKEHR NACH KISUMU

Ende Februar machte ich mich auf den Weg zurück nach Kisumu. Dort war ich wunderbar im Mill Hill Haus untergebracht: ein großes Wohnzimmer, ein ebenso großes Schlafzimmer mit Bad und Toilette. Auch Gerry Mooij lebt in diesem Haus. Nebenan im Gästehaus von Mill Hill nahmen wir unsere Mahlzeiten ein – der Umzug war einfach schrecklich.
Ich habe lange gebraucht, um herauszufinden, warum ich nicht in Nairobi leben konnte. Zuerst dachte ich, dass es an meinem Alter liegt. Aber die wahren Gründe waren, dass man Angst davor hatte, dass meine Anwesenheit zu einem zu großer Unruhe führen könnte. Das war eine bittere Pille für mich – aber ich habe dieses Kapitel abgeschlossen. In Kisumu fühle ich mich wohl, denn ich habe dort viele Bekannte. Derzeit arbeite ich an meiner Agenda; im Moment gibt es viel zu tun – dieser Newsletter zum Beispiel! Außerdem muss ich noch die englische Ausgabe meines holländischen Buches LOSGELOPEN WOORDEN Korrektur lesen. Im September wird dieses Buch mit dem englischen Titel WORDS OF PASSAGE erscheinen. Zudem arbeite ich an dem Buch, dass wir über Pandipieri schreiben und – schon in naher Zukunft – werde ich eine nützliche Aufgabe für KUAP übernehmen. Der gesamte Vorstand hat sich neu gebildet und ich werde versuchen, diese Menschen zu einer engagierten Gruppe zu formen, die willens ist, den ursprünglichen Geist und die Ziele Pandipieris lebendig zu halten. Bruder John Oballa, der Vorsitzende, wurde nach Nairobi versetzt. Seine Stelle wurde durch den Erzbischof durch Bruder Moses besetzt, der gleichzeitig auch mein Nachfolger als Gemeindepriester in Milimani ist. Wir kommen gut voran und ich schaue optimistisch in die Zukunft.

 

PAUL WURDE VERHAFTET

Paul war mein Koch in Nairobi. Er kam jeden Morgen um halb sieben nach einer einstündigen Fahrt mit dem Bus. Eines Morgens aber kam er nicht. Um neun Uhr rief er mich an, um mir mitzuteilen, dass man ihn – zusammen mit 14 anderen Passagieren des kleinen Busses – verhaftet habe: sie waren an einer Stelle in den Bus eingestiegen, die keine Bushaltestelle mehr war. Zu dieser Zeit waren alle auf der Polizeistation und sollten weiter zum Gericht gebracht werden. Mittags rief er mich erneut an – dieses Mal vom Gericht aus, wo man sie – mit Handschellen gefesselt – hingebracht hatte, aber die Verbindung wurde unterbrochen. Erst abends um zehn Uhr gelang es mir, ihn zu erreichen -er war wieder zuhause; aber alle waren mit einer Strafe von 10.000 Schilling belegt worden, was in etwa einem Monatsgehalt entspricht. Seinem Vater war es gelungen, das Geld irgendwie aufzutreiben, sonst hätte Paul im Gefängnis bleiben müssen. Die von Euch, die meine Predigt anlässlich des Treffens in Holland gehört haben, werden verstehen können, warum so etwas passieren kann. Wir leben in einer Kultur der Macht. Gesetze – auch Verkehrsgesetze – werden den Menschen mit Gewalt übergestülpt; es gibt nicht einmal den Versuch, den Menschen Sinn und Nutzen der Gesetze zu erklären. Im Gegenteil: mit drakonischen Strafen muss man die Menschen einschüchtern. Tut man das nicht, geraten die Gesetze einfach in Vergessenheit. Kürzlich hörte ich, dass man einen Motorradfahrer mit mehr als einem Beifahrer mit einer Strafe in Höhe von 40.000 Schilling belegen könnte – aber kein Polizist würde dieses Gesetz anwenden (ein Gesetz nicht anzuwenden, ist auch eine Form der Macht). Und so sieht man jeden Tag Motorradfahrer mit mehreren Soziusfahrern; der obligatorische Helm liegt gewöhnlich auf dem Benzintank. Das ist die Art, wie man hier mit Gesetzen umgeht.

 

PAMELLA’S BEERDIGUNG

Pamela, die Ehefrau des letzten KUAP-Vorsitzenden Alphonce Lumumba, starb unerwartet. Im Januar war sie wegen zu hohen Blutdrucks in Krankenhaus gekommen; dort hatte sie einen Anfall und starb mit nur 39 Jahren. Dieses Jahr wären sie und Alphonce zwanzig Jahre verheiratet gewesen. Zwei Wochen nach ihrem Tod brachte man ihren Leichnam mit einer lauten Autokolonne von der Leichenhalle zur Milimani Kirche. Die Autoeskorte war so laut, weil Jugendliche auf mit Ästen geschmückten Fahrrädern den Leichenzug mit lautem Schreien und Pfeifen anführten. Nach dem Gottesdienst ging die laute Prozession weiter zu Alphonce’s Haus in der Nähe von Dunga – dorthin, wo die Beerdigung stattfinden sollte. Zuerst aber musste Pamela eine Nacht lang in ihrem Haus bleiben, wo sie in aller Pracht aufgebahrt war. Es wurden Lieder gesungen, gebetet und Trauerreden gehalten. Die ganze Zeremonie dauerte von 10 Uhr morgens bis 6 Uhr abends. Eine große Menge Menschen unterstützte Dutzende von Rednern, sang und betete. Hunderte von Menschen waren da – sie saßen zu mehreren auf einem Stuhl, um im Schatten der Bäume und Zelte zu sein; Hunde und Hühner liefen herum und die Redner rissen Witze oder wurden nieder gebrüllt. Als einer der Redner immer wieder dumme Bemerkungen machte, rief Pater Gerry Kraakman – der Hauptzelebrant: „Sagt dem Idioten, dass er sich endlich setzen soll!“ Ein Stadtrat kündigte an, dass er eine Straße reparieren wolle, Politiker versuchten, sich in Szene zu setzen und in seiner langen Dankesrede sagte Alphonce, dass ihm einige Eltern bereits ihre Töchter als Ersatz angeboten hätten -allerdings sei eine Ehefrau für ihn nicht nur ein Gegenstand, den man nur zu nehmen brauche. Bei einer solchen Beerdigung trifft man viele Bekannte. Miss Molly, die vor zwei Jahren mit mir in Europa war, kam als leidenschaftliche Sängerin des Chors – wann immer ich sah, sang sie. Auf dem Weg zum Grab, schwenkten die Freunde den Sarg langsam hin und her – wie in einem langsamen Tanz: auf und nieder – hin und her. Die Männer, die die ganze Nacht lang das Grab in dem felsigen Untergrund ausgehoben hatten, waren alle ein wenig beschwipst, weil sie sich mit Gin bei Laune gehalten hatten. Als die gleichen Männer dann das Grab zuschaufelten, sah ihnen die singende Menge aufmerksam zu; kleine Kinder quetschten sich zwischen den Beinen der Menschen durch, um zu sehen, wie ihre Mutter oder Tante oder Nachbarin langsam unter einer Kaskade von Sand und Steinen begraben wurde. Als alles vorbei war, legte man Blumen auf das Grab und die Gäste gingen fort, um ein gemeinsames Mahl einzunehmen. Es war die Therapie für einen schmerzlichen Verlust – in ganz großem Stil. Ich glaube, das früher (und heute vermutlich auch noch) die Menschen dachten, dass der Geist des Verstorbenen über dem Grab schwebt, um herauszufinden, wer für den Tod verantwortlich ist; bei den Luos glaubt man nicht an die natürliche Ursache für den Tod eines Menschen; man ist immer der Meinung, dass der Tote umgebracht wurde. In jedem Fall ist das Begräbnis das größte Fest Deines Lebens. Früher kamen die Gäste und brachten Essen mit; heutzutage muss die Familie schmerzlich hohe Rechnungen für ein solches Ereignis bezahlen. Manche Anthropologen halten dies für zweckmäßig: auf diese Weise verbraucht sich das ganze Erbe auf einen Schlag und es gibt nichts mehr, worüber sich die Hinterbliebenen streiten könnten. Pamela’s Beerdigung verlief ohne Störungen und alle gingen zufrieden nach Hause.

 

AFRIKANISIERUNG BEDEUTET MEHRKOSTEN

Wer auch immer sich mit Entwicklungsarbeit beschäftigt, weiß, dass die Afrikanisierung ein Teil der letzten Phase eines solchen Projektes ist. Weil die Unterschiede zwischen der afrikanischen und der westlichen Kultur in dieser Phase eine wichtige Rolle spielen, habe ich in der Predigt während des letzten Treffens in Holland auch darüber gesprochen. Ich hoffte, auf diese Weise Verständnis für das zu wecken, was in dieser Phase der Afrikanisierung vor sich geht. Ohne das negativ zu meinen, muss man sagen, dass die Effizienz in diesem Stadium leidet. Kreditgeber und Gönner hören das nicht gerne; manchmal macht diese geringe Effizienz sie so ärgerlich, dass sie sich zurück ziehen und woanders neu anfangen und mit der schon bekannten Anfangsphase ein anderes Projekt starten. Sie verstehen nicht, dass ihre Unterstützung gerade in dieser letzten Phase so wichtig wie nie ist: Gönner eines Projektes sollten dazu bereit sein, noch mehr Unterstützung zu leisten, um dem Projekt auch durch diese letzte und schwerste Phase zu helfen. Aber die Menschen sind nicht darauf erpicht, Projekte mit geringer Effizienz zu unterstützen – sie raten: „Ersetzt die Stümper einfach durch Leute, die mit europäischer Effizienz arbeiten.“ Dieses Problem betrifft zur Zeit auch uns in Pandipieri und wir versuchen, dieses Problem mit einer großen Portion „gutem Willen“ zu lösen. Es ist der gleiche gute Wille und Geist, den wir in so vielen von Euch – unseren treuen Freunden – wieder finden.
Ich danke Euch für Eure beständige Unterstützung und wünsche Euch frohe Ostertage.

 

Hans