Ostern 2007

Zum diesjährigen Osterfest hat Pater Hans Burgmann
einen persönlichen Brief an das Weihnachtsbaumteam
Kerzell gerichtet; nachstehend die deutsche Übersetzung:

Liebe Freunde des Weihnachtsbaumteams Kerzell,

Zu Ostern möchte ich Euch allen meine besten Wünsche schicken. Die Zusammenarbeit mit Eurem Team ist für uns alle hier eine Quelle tiefster Zufriedenheit. Wenn wir zurück blicken, wird uns bewusst, wie dankbar wir den treuen Mitgliedern des WBT sein müssen, die jetzt schon viele Jahre mit erstaunlichem Enthusiasmus für uns arbeiten. Aber dankbar auch gegenüber unserem Vater im Himmel, der uns auf so geheimnisvolle Weise zusammengeführt hat: Menschen aus unterschiedlichen Nationen, die sich für die ärmsten aller Kinder einsetzen, um deren Lebenssituation zu verbessern.
Die Dinge, die Ihr und ich hier in Kisumu zusammen auf den Weg gebracht haben, sind wirklich wunderbar; viele Kinder haben dadurch eine neue Chance in ihrem Leben bekommen; auf vielerlei Arten konnte das Leben in den Slums verbessert werden. Es konnten sogar etliche schöne Gebäude errichtet werden. Wir – eine Gruppe von angefeuerten und enthusiastischen Christen –  haben  hier in den Slums von Kisumu wesentlich mehr erreicht als die hiesige Regierung mit ihren hoch bezahlten Angestellten. Meine Gedanken sind oft bei Euch; gerade jetzt habe  ich meine Reise nach Europa für den Sommer 2007 so geplant, dass ich zu Euch nach Kerzell kommen kann, noch bevor ich irgendwo anders hingehen werde.

Es ist mein größter Wunsch, dass unsere glückliche Gemeinschaft noch lange Zeit andauern möge; vor allem wünsche ich Euch allen, dass die Arbeit für die Straßenkinder Kenias Euch auch in Zukunft tiefe Zufriedenheit bringt.

Und nun – ganz zum Schluss – mein Osterwunsch an Euch alle:

Mögen wir alle aus der Asche unserer Fehler und Unzulänglichkeiten neu auferstehen und das Neue unseres Daseins erleben, damit wir erleben können, wie unsere vor langem verlorenen Ideale wieder Bestandteil unseres Lebens werden.“

Euer Hans Burgmann

Oster-Rundbrief 2007

Liebe Freunde,

Vor einigen Wochen war ich zum Mittagessen bei Kronprinz Willem-Alexander eingeladen. Schon seit einigen Jahren ist er den „Freunden Pandipieris“ freundschaftlich verbunden; der Kontakt wurde von Mitgliedern des früheren Pandipieri-Teams hergestellt.
Dann und wann meldet er sich – ganz auf  seine leise und stille Art. Dieses Mal hatten wir es so geregelt, dass er sich einige unserer aktuellen Projekte anschauen konnte. Für mich bedeutete das, eine Lehrstunde für Modellzeichnung in unserer Kunstschule zu geben.
Das war meine Chance, ihm und seiner Begleitung von Mitgliedern der Botschaft zu zeigen, dass unsere Kunstschule ein Symbol für das Ziel der Arbeit von Urban Apostolate ist: die versteckten Talente der Menschen zu entdecken und diese weiter zu entwickeln: Denn  eine Person mit gut entwickelten Fähigkeiten ist eher in der Lage, Probleme zu bewältigen – sowohl die eigenen als auch die in seiner Umgebung.

Als wir dann später am Ufer des Victoriasees zusammen mit all den berühmten Besuchern aßen und über die finanzielle Situation sprachen, hörte ich den einen sagen: “Das hier ist es also, worum es geht, oder ? ” Ich war still und hielt meine Hand vor den Mund. Ich war total gegensätzlicher Meinung, hatte aber keine schlagfertige Antwort parat. Die richtige Antwort liegt irgendwo bei den Worten Jesus: “Strebe  zuerst nach dem Reich Gottes und alles andere wird Dir in den Schoß fallen.” Mit anderen Worten, Geld „folgt“, es ist ein Nebenprodukt des Königreiches. Aber was ist dieses Königreich ? Es hat etwas damit zu tun: Tue für andere das, von dem Du Dir wünschst, dass sie es für Dich tun. Ein anderer Weg wäre der: Richte Deine religiöse Energie auf den Gott, der in Deinen Brüdern und Schwestern lebt – nicht auf Dich selbst. Ein anderer würde es vielleicht auch so ausdrücken: Hört für einen Moment auf, Euch nur vom Geld hypnotisieren zu lassen  und schaut, ob Ihr nicht etwas Wertvolleres findet, als Eure eigenen Lebensumstände  zu verbessern oder gegen die Ungerechtigkeit anzukämpfen.

Ich glaube, das ist genau das, was Pandipieri in den letzten dreißig Jahren getan hat – Ihr und wir hier vor Ort; und tatsächlich: das Geld, dass wir so nötig brauchen, ist uns „in den Schoß gefallen“. Wir danken dem Gott, der in unseren Freunden lebendig ist.

Geld ist ein wesentlicher Bestandteil der Freundschaft – ist aber nicht richtungsweisend. Es ist etwas anderes, was uns den Weg und die Richtung vorgibt. Bei uns ist dieser andere Bestandteil die Philosphie Pandipieris. Manche Menschen verwechseln Philosophie und Theologie; vielleicht ist Pandipieri sogar auch Theologie, denn es hat viele Wunder hervor gebracht. Kürzlich hatte KUAP sein jährliches Treffen. Viele Sprecher gedachten der Arbeit der vergangenen Jahre und verdeutlichten, was bisher erreicht werden konnte.  Mittlerweile wachsen sogar herrliche Gebäude in den Himmel. Wir Oldtimer müssen uns daran gewöhnen, denn wir haben niemals von solchen Gebäuden auch nur geträumt. Aber nun sind sie uns praktisch in den Schoß gefallen und die Menschen hier lieben das.

Wunder geschehen in vielen von uns. Wir scheinen in der Lage zu sein, viel mehr zu tun, als wir uns vorgestellt haben. Nicht nur, weil im Land der Blinden der Mann mit einem Auge der König ist, sondern auch deshalb weil in uns viele unentdeckte Talente schlummern, die vielleicht zum Leben erwachen. Neue Wege sind eine Herausforderung für uns. Die alten Herausforderungen beruhten oft auf dem Prinzip der afrikanischen Misere. Eines haben wir ganz sicher aus unserer Arbeit hier vor Ort gelernt: Es ist grundfalsch, Afrika den Kontinent des Elends zu nennen. Das ist ein Fehler, der seit vielen Jahren gemacht wird und der eine Serie von falschen Ideen hat wachsen lassen.

Vielleicht seid Ihr überrascht zu hören, dass erst diese Denkweise es möglich gemacht hat, dass der transatlantische Skalvenhandel stillschweigend geduldet wurde. Hugh Thomas’ umfangreiches Werk “The Slave Trade” (Der Sklavenhandel) beinhaltet aufschlussreiche Textpassagen. Auf Seite 300 las ich: “ William Chancellor, Schiffsartz der “Philip Livingstone’s Wolf”, schrieb in 1750, dass der Sklavenhandel ein Weg ist, “um unglückliche Menschen vor unvorstellbarem Elend zu retten“. Auf Seite 306 heißt es: “Als John Hawkins einen Sklavenmarkt sah, auf dem viele Sklaven auf ihren Verkauf warteten, erkannte er, dass er “vollständig davon überzeugt war, dass der Verkauf dieser armen Wichte – selbst als Sklaven auf die Westindischen Inseln – ein Akt der Humanität war.” „Die Sklaven, die ich kaufte, waren junge Männer und viele davon waren begierig, den Fesseln in Eboland zu entkommen“. Auf Seite 680: “Die Sklavenhändler sagten, dass der Sklavenhandel human war; in Afrika seien viele Neger Kannibalen, extrem faul und träge; es heißt, dass bestimmte Stämme ständig Krieg führten und dass sie ihre Gefangenen töteten, wenn niemand bereit war, sie ihnen abzukaufen.”

Für die heutige Zeit klingen diese anschaulichen Schilderungen vielleicht wenig blutrünstig, aber das Prinzip des „Afrikanischen Elends“ ist noch immer aktiv. Um ehrlich zu sein, es rührt zu Tränen zu sehen, was viele Europäer fühlen: wir sollten den Menschen helfen, indem wir sie alle notwendigen Dinge lehren. Etwas möchte ich hier verdeutlichen: Afrika war niemals ein Kontinent der „wilden, unzivilisierten“ Menschen.  Die Menschen lebten in vollständig unterschiedlichen Kulturen – jeweils mit ihren starken und ihren schwachen Seiten. Das Wunder, das nun in Europa geschehen muss, ist ein neues Bewusstsein, dass auch die europäische Kultur Defizite hat, die durch die bisher unterschätzten afrikanischen Kulturen ausgeglichen werden können. Das ist die neue Herausforderung an uns Europäer und eine Einladung, neue Sichtweisen anzunehmen.

Mit einer Geschichte über ein deutsches Kind möchte ich meinen Brief beenden. Dieses Kind kam um die Zeit des II. Weltkrieges nach Holland und fand dort seinen Weg zu Mill Hill. Es ging nach Ostafrika, um dort seine in ihm schlummernden Talente zum Leben zu erwecken und ein Leben als Missionarsbruder zu führen.

Ludger wurde zum Missionar im weit entfernten Tesoland in Uganda bestellt.  Missionare waren “Allrounder” und auch in extremen Situationen unerschrocken. Ludger sah all die kranken Menschen und niemand war da, der sie hätte medizinisch versorgen können. Er begann zu handeln wie Jesus: er heilte die Kranken – auch ohne Arzt zu sein. Heute könnte man das nicht mehr machen – aber vor 60 Jahren war das noch möglich. Er begann mit größter Vorsicht und wurde ein begnadeter “Amateurarzt”. Hin und wieder sprach ich mit einem befreundeten Arzt, der ein Auge auf Ludger’s Krankenhaus hatte. Er fand das o.k. und es gab niemals weitere Fragen.

Bruder Ludger hatte noch ein anderes Talent: er hatte ein Auge für Inkulturation – dem Eindringen einer Kultur in eine andere. Die Teso-Kultur z.B. würde es niemals erlauben, dass ein Teso-Mann sich von einer Teso-Frau sagen lässt, was gut für ihn ist.

Man hörte Geschichten von starken Männern, die in der Tür des Krankenhauses standen und einer Krankenschwester mit dem Finger zeigten, welches Medikament sie haben wollten. Die medizinische Fakultät von Kampala hatte keine Antwort auf solche sensiblen Traditionen – Ludger schon. Er brachte alle Patienten dazu, sich in einem Kreis zusammen zu setzen und seine Erkrankung in lebendigen Farben zu beschreiben. Dann fragte er alle im Kreis, was sie von dieser Krankheit hielten und wie man sie ihrer Meinung nach behandeln könnte.

Er selbst wusste natürlich, um welche Krankheit es sich handelte, aber er schaffte es, die Diskussion der Anwesenden so zu führen, dass sie zum Schluss zu der Lösung kamen, die die richtige war. Sie aber waren der Meinung, dass sie die Lösung selbst  herausgefunden hatten.

Ludger hatte unglaubliche Erfolge –  nicht nur in Afrika ! In seiner Nähe lebte ein indischer Ladenbesitzer. Dessen kleine Tochter wurde eines Tages schwer krank und reagierte nicht mehr auf die Behandlung in einem weit entfernten Krankenhaus. Er ging zu Ludger, der es schaffte, das kleine Mädchen zu heilen. Der Vater war darüber so glücklich, dass er Ludger eine Weltreise schenken wollte. Aber Ludger wollte etwas anderes: er war ein großer Katzenliebhaber und hatte mehr als 30 Katzen. In seinem Haus hatte er viele Wege und kleine Treppen gebaut, damit die Katzen überall hin konnten und das Haus von Schlangen, Fledermäusen, Ratten und Kakerlaken frei halten konnten. Das Geschenk, das er erbat und auch bekam war – kostenloses  Katzenfutter für immer.

Starke Geschichten über die Person Ludgers sind im Umlauf. Er ist einer von denen, der zu gut ist, als dass man ihn vergessen könnte. Es gab eine Teso-Mann, der an einer hartnäckigen Verstopfung litt. Nachdem er sich eine Woche lang gequält hatte, entschied er sich zu einer drastischen Therapie.: er gab seiner Frau ein scharfes Messer und bat sie, ein Loch in seinen Bauch zu schneiden.  Das Messer rutschte ab und alle seine Gedärme fielen aus der Bauchhöhle. Als er sich von dem ersten Schock erholt hatte, stand er auf, raffte seine Innereien zusammen, hing sie wie einen Regenmantel über seinen Arm und ging zu Ludger.  Dieser legte alle Innereien wieder zurück an ihren richtigen Platz in die Bauchhöhle des Teso-Mannes  und vernähte die Wunde professionell. Der Mann und seine Frau waren glücklich. Kreativität, Talent und Courage hatten Ludger in das Land der Wunder geführt.

Vielen Dank für Eure Unterstützung und Eure Freundschaft, die ich – gerade auch während der Zeit um Weihnachten herum – so herzlich von Euch erfahren habe. Ich wünsche Euch allen ein gesegnetes Osterfest.

Hans Burgmann