Ostern 2006

Liebe Freunde,

Wenn heute alte Bekannte Pandipieri besuchen, werden sie es kaum wieder erkennen. Ein großartiges Gebäude ist hier für das Resozialisierungs- programm der Straßenkinder entstanden. Mitte Februar wurde dieses Gebäude mit einem großen Fest eingeweiht. In meiner Ansprache anlässlich dieser  Veranstaltung verglich ich dieses zweistöckige Haus mit einer Blume, die aus den Wurzeln des alten Pandipieri gewachsen ist – jeder ist davon tief beeindruckt. Dieses Haus ist Zeugnis für die anhaltende Dynamik und das Wachstum von Kisumu Urban Apostolate.
Hier kann ich Euch ein kleines Geheimnis verraten: es wird nicht die letzte Blume sein, die hier anfängt zu blühen – in Nyalenda zeichnet sich etwas sehr Schönes ab: anstelle des Gebäudes, in dem wir früher alten Kunststoff wieder verwertet haben, wird ein neues Gebäude für die Haushaltungsschule der Mädchen entstehen. Selbstverständlich werde ich Euch über dieses Projekt auf dem laufenden halten.

Diese Entwicklungen zeigen auch, dass der neue KUAP Vorstand hart daran arbeitet, alten Projekten  neue Impulse zu verleihen. All diese Leute sind sehr kompetent und willens, einen großen Teil ihrer Zeit und ihrer Energie diesen Projekten zu widmen; die zahlreichen Treffen dauern oft bis spät in die Nacht – und all diese Leute arbeiten freiwillig und ohne Bezahlung. Sie können stolz auf sich sein und verdienen unsere Anerkennung. Diese Menschen sind sich der starken freundschaftlichen Bindung zu Euch – die Ihr so weit weg seid – sehr bewusst. Fr. Fons Eppink, die viele von Euch schon kennen, ist jetzt unsere neue stellvertretende Vorsitzende.

Zu unser aller Erstaunen ist der Wasserspiegel des Viktoriasees dramatisch gesunken. Eine Zeitung schrieb darüber: „ Der Wasserspiegel ist um mehr als sechs Fuß (1 Fuß = 30,48 cm – Anm. des Übersetzers) gesunken; an manchen Stellen sogar um 10 Fuß (ca. 3,10 m)“. Nicht nur der Viktoriasee ist davon betroffen, und jeder fragt nach der Ursache. Einige machen die Abholzung der Wälder dafür verantwortlich; andere sind der Meinung, dass es sich dabei um eine regelmäßig wiederkehrende Erscheinung handelt, deren Ursache in unterirdischen Wasserströmungen zu suchen ist. Nach Meinung dieser Leute regelt sich das alles wieder von selbst.

Im Moment haben wir den Eindruck, dass sich mehr und mehr geistig behinderte Menschen zu unserer Kirchengemeinde hingezogen fühlen. Ich sage mir immer wieder, dass das ein gutes Zeichen ist. Die Dame aus Uganda, die vor ca. vier Jahren im Garten vor unserem Haus ihr Zelt aufgeschlagen hatte, ist auch wieder zurückgekehrt. Sie tauchte eines Tages einfach mit einem breiten Lächeln im Gesicht wieder auf als wollte sie sagen: „Ich weiß doch, wie sehr Ihr mich vermisst habt!“. Sie schlug ihr Zelt wieder am alten Platz auf – im Schatten des kleinen Teebude. Dort kocht sie, schläft und wäscht Ihre Kleidung. Sie klettert hoch in die Bäume, um dort abgestorbene Äste für Ihr Holzfeuer zu holen, und wenn wir essen, steht sie vor dem Fenster, um zu sehen, was wir auf dem Teller haben und was wir uns im Fernsehen anschauen. Wohl oder übel haben wir ihr zu essen und zu trinken gegeben; aber kürzlich sagte sie uns, dass sie unser Essen nicht mag und dafür lieber 100 Schillinge hätte. Damit könnte dann in einem Restaurant in der Stadt essen.

Davon abgesehen müssen wir uns nicht viel um sie kümmern. Ganz anders die andere Frau, die – mit großen Plastiktaschen in den Armen – dauernd in die Kirche hineinplatzt und dort jeden mit unverständlichen Ausdrücken beschimpft.

Dann ist da noch der arme Junge von ca. 16 Jahren, der immer in der Lourdes-Grotte schläft. Tagsüber ist er überall dabei, schaut uns  zu und  kratzt sich unablässig. In der Kirche benimmt er sich mehr als tadellos: wenn die anderen beten, wirft er sich auf den Boden, hört den Gebeten mit offenem Mund zu und kugelt sich  bei jedem lustigen Satz des Priesters vor Lachen auf dem Boden – er ist der ideale Kirchenbesucher.

John ist natürlich auch noch immer hier; das ist dieser große  Mann mit den Hühnerfedern im Haar, der während der Messen immer langsam wie ein Heilsbringer auf und ab geht – manchmal in allen drei Sonntagsmessen. Danach kommt er zum Essen auf unsere Terrasse.  Gott sei Dank kommt die  Frau, die während der Messen immer unkontrolliert schrie und mit den anderen Kirchgängern schimpfte, „weil Gott ihr das so befohlen hatte“, im Moment nicht mehr in unsere Kirche; ihr Arbeitgeber hat sie in eine andere Stadt versetzt, nachdem Sie Ihren Chef geschlagen hatte, „weil Gott es ihr so befohlen hatte“.

Was mich immer wieder in Erstaunen versetzt ist die Haltung  der Leute   hier gegenüber diesen  Menschen mit solch langwierigen Leiden: alle sind offensichtlich der Ansicht, dass es auch für solche Menschen einen Platz auf der Welt geben muss. Das finde ich wirklich sehr bemerkenswert !

Vielleicht sind einige von Euch erstaunt zu hören, dass es die Kunststoffwiederverwertung bei uns nicht mehr gibt. Tatsächlich sind nicht all unsere Aktivitäten Erfolgsstories. An und für sich war dieses Programm etwas wirklich Großartiges – die Idee war einfach: die Elendsviertel  sind voll mit Plastikmüll. Also warum sollten man die Menschen diesen Müll nicht aufsammeln lassen, ihnen etwas Geld dafür geben, den Müll sortieren, waschen und zerkleinern, in Säcke abfüllen und verkaufen ?  Mit dem Erlös könnte man ein halbes Dutzend Arbeiter entlohnen und den Armen einen Extrabonus zukommen lassen. Also wurde jemand mit der Leitung dieses Projektes bestimmt, aber nach einem Jahr schon hatten wir große Verluste. Es sah so aus, als ob der Projektleiter mit dem Geld auf „sehr ungewöhnliche Weise umgegangen war“. Außerdem hatte er noch einige hundert Säcke gestohlen. Wir setzten einen neuen Projektleiter ein – einen ganz bürgerlichen mit Krawatte und Auto; aber nach nur einem halben Jahr hatte er schon eine halbe Million veruntreut und die Polizei fand ihn schließlich versteckt unter dem Bett seiner Freundin.

Danach haben wir die Vorschriften so streng verschärft, dass Betrügereien unmöglich wurden  – aber die tägliche Arbeit auch!  Jeder noch so winzige Arbeitsvorgang erforderte die Unterschrift von drei verschiedenen Personen, die meist nicht alle gleichzeitig erreichbar waren. Nach einem Jahr gab der neue Leiter des Projekts entnervt auf – diese Aufgabe war so einfach nicht zu bewältigen. Danach bot uns ein idealistischer junger Mann an, diese Aufgabe zu übernehmen. Er stellte eine Sekretärin ein, die wirklich betrügerische Ambitionen entwickelte. Zu dieser Zeit hatten die Schulden bereits ein Ausmaß erreicht, das uns zwang, das Projekt zu stoppen. Wir empfanden das als wirkliche Katastrophe, nachdem sich so viele Menschen so lange Jahre um dieses Projekt bemüht hatten – und jetzt dieses Ende ! Gutachter aus Nairobi waren mit Ihrer Beurteilung schnell bei der Hand: „Sie hätten die Kontrollen verschärfen sollen“, war ihr Urteil – das war alles, was sie dazu zu sagen hatten.

Experten aus Nairobi halfen uns, einen neuen „Fünf-Jahres-Plan“ zu erstellen; nach dessen Fertigstellung schien er uns aber unausgereift, denn die Bedürfnisse der Gemeinde waren in dem Plan nicht berücksichtigt worden. Also wurde eine umfangreiche wissenschaftliche Einschätzung der Lage zu Beginn dieses Jahres vorgenommen. Als die Resultate im Februar bekannt wurden, schien der Plan beträchtlich von den Anforderungen der Gemeinde abzuweichen. Es ist jetzt unsere Aufgabe, die Bedürfnisse der Gemeinde und den „Fünf-Jahres-Plan“ aufeinander abzustimmen, damit die Arbeit weiter gehen kann.

Viele von Euch werden sich fragen, ob das Pandipieri-Team auch im vergangenen Jahr wieder an den Tagen zwischen Weihnachten zum Camping gewesen ist. Ja klar – dieses Camping verbindet uns und stärkt die Freundschaft. Dieses Mal sind wir mit den alten bekannten Team-Mitgliedern campen gewesen, die auch mit vielen von Euch befreundet sind. Wir waren vier Tage lang im Kakamega-Wald: 15 Erwachsene und 15 Kinder. Am Parkeingang mussten wir Tickets kaufen: 30 x 4 sind 120 Tickets – nur um in den Park zu gelangen. Dann noch weitere 120, um dort zelten zu dürfen. Das sind insgesamt 240 Tickets. Jedes dieser 240 Tickets wurde insgesamt dreimal abgestempelt – also 720 Stempel; dann wurden die 240 Tickets abgerissen (jetzt waren es 480 Teile).
Dabei haben wir hier  noch nicht einmal die Tickets für die Autos mit gezählt! Aber die Tage dort waren wunderbar. Das alte Team fand das Leben dort schwierig; sie lehnten sich zurück und fühlten sich nicht gezwungen, ihren reichen Erfahrungsschatz und ihr Wissen in Arbeit umzusetzen.

Kürzlich haben – für dortige Verhältnisse –  relativ friedliche Wahlen in unserem Nachbarland Uganda statt gefunden. In unserer Zeitung konnte man lesen, dass die Bediensteten eines Gefängnisses in  Arua im Norden Ugandas den Sieg ihres Kandidaten so hemmungslos feierten, dass 400 Häftlinge leise das Gefängnis verlassen und fliehen konnten.

Liebe Freunde – Euch allen viele liebe Grüße und herzlichen Dank für Eure kontinuierliche Unterstützung. Mir selbst geht es soweit ganz gut.

Hans Burgmann